Der vorerst letzte letzte Tag

- - Seelenmädchen

“Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?” Angeblich vergeht die Zeit langsamer, wenn wir öfter Dinge zum ersten Mal tun. Also wenn wir neue Dinge ausprobieren oder für uns entdecken. Weil das den Alltag unterbricht und dafür sorgt, dass wir Zeit nicht als eine einzige große Einheit wahrnehmen. Klingt irgendwie logisch. Dennoch beschleicht mich ab und zu das Gefühl, dass diese Regel außer Kraft gesetzt wird, wenn wir in einem kurzen Zeitraum sehr viele Dinge zum ersten Mal tun. So wie ich in den letzten beiden Jahren. Ich war so beschäftigt damit, mich an neuen Arbeitsplätzen zurechtzufinden – oder in einer neuen Stadt – neue Aufgaben zu übernehmen, neue Kollegen kennenzulernen oder mich an neue Lebenssituationen zu gewöhnen (die erste gemeinsame Wohnung mit dem Mann), dass die Zeit so schnell verflogen ist, dass mir irgendwann das Gefühl dafür abhanden gekommen ist.

Als ich mir dann heute noch einmal in Ruhe die lieben Grüße auf meiner Abschiedskarte durchgelesen habe, war da plötzlich eine ähnliche und doch ganz andere Frage, die man sich vielleicht fast noch ein bisschen öfter stellen sollte: “Wann hast du das letzte Mal etwas (bewusst) zum letzten Mal gemacht?” Ich glaube, dass es uns voranbringt, wenn wir uns bewusst dafür entscheiden, mit Dingen, Angewohnheiten, Lebensphasen oder sogar mit anderen Menschen abzuschließen. Vielleicht müssen es nicht unbedingt drei letzte Arbeitstage in gut eineinhalb Jahren sein. Dennoch lohnt es sich, sich von Zeit zu Zeit hinzusetzen und sich zu fragen: “Fühlt sich das noch richtig an? Bin das noch ich? Und ist es nicht einfach endlich an der Zeit, loszulassen?”

Oft genug hängen die beiden Fragen zusammen und wenn ich etwas zum letzten Mal mache, mache ich etwas anderes automatisch zum ersten Mal. Oft genug muss man aber auch gar nicht krampfhaft nach Dingen suchen, die man zum ersten Mal machen kann, weil sich das Leben plötzlich ganz neu anfühlt, wenn man bereit ist, Altes über Bord zu werfen. Und ich bin mir ziemlich sicher – auch wenn ich es nicht in zahllosen Studien untersucht und nachgewiesen habe – dass sich das Leben plötzlich sehr viel länger (intensiver und richtiger) anfühlt, wenn man nicht ständig auf der Jagd nach einem ersten Mal ist, sondern sich zwischendurch einfach mal die Zeit nimmt, Lebensphasen zu rekapitulieren und anschließend auf das Kreuzchen links oben zu drücken.

Vorgestern war mein vorerst letzter letzter Arbeitstag. Vorerst, weil ich mich mit Sicherheit auch auf der neuen Stelle nach ein paar Monaten hinsetzen und mich fragen werde, ob sich das alles so richtig anfühlt. Letzter, weil ich für eine Zeitlang einfach genug Dinge zum ersten Mal und zum letzten Mal getan habe und die Zeit bis zum nächsten ersten oder letzten Mal ruhig ein bisschen länger werden darf – und wenn mir das Leben dann in der Rückschau dafür ein bisschen kürzer erscheint, dann ist das eben einfach nur ein weiterer Beweis für die Relativität der Zeit.

Drama, Baby!
Mit einem Designer auf Wohnungssuche.

- - Seelenmädchen

„How to get a nice flat – without getting divorced. Even if you date a designer.“ – ein Drama in mindestens zwei Akten.

Prolog

Unsere jetzige Wohnung hat der Mann ausgesucht. Weil er zuerst nach München gezogen ist. Das Ding ist: Wenn ein Drama einen nicht direkt betrifft, ist es meistens nur halb so schlimm. Deswegen ließ ich ihn reden. Und zetern. Und jammern. Und vertraute darauf, dass er irgendwann schon eine Wohnung finden würde, die ihm gefällt. So war es dann ja auch. Kurze Zeit später fing ich an zu jammern. Weil er mir 1000 Exposés von Wohnungen mit Badewanne schickte. Und dann die einzige ohne anmietete. Aber das nur am Rande. Viel wichtiger ist die bleibende Erkenntnis: Solange man nur als Zuschauer fungiert, als Konsument am anderen Ende des Telefonhörers, kleidet sich ein Drama stets in das Gewand der Komödie. Hat man hingegen eine Hauptrolle in dem vorliegenden Stück ergattert, wird die Komödie ganz schnell zur Tragödie. Erwähnte ich bereits, dass der Mann Designer ist?

1. Akt – Die Wohnungssuche

Zu niedrige Decken. Zu beige Wände. Zu hässliche Böden. Zu runde Fenster. Zu dezentral. Zu 90er. Von irgendetwas zu viel und von etwas anderem zu wenig. Egal. Auf jeden Fall zu! Zu irgendwas, um sich zu bewerben. Ich fand nur seine Wunschliste zu – zu lang nämlich. Auf meiner standen zwei Dinge: mindestens drei Zimmer und eine Badewanne. Wie drei Hochzeiten und ein Todesfall. Ganz einfach. Ab und zu aber kam ich an den Punkt, an dem ich nicht mehr von einer Hochzeit, sondern nur noch von einem Todesfall träumte. Ich mag es einfach. Manchmal mag der Mann es auch einfach. Aber nicht, wenn es um die vier (oder 18) Wände geht, in denen er leben will. Er ist ja schließlich Designer.

2. Akt – Die Wohnungseinrichtung, 1. Szene

Vor drei Wochen waren wir in Hamburg. Wir hatten einen Wunschkandidaten. Was wir nicht hatten: einen Vertrag. Geschweige denn eine Wohnung. Als wir zurückkamen und ich gefühlt noch meine Schuhe auszog, saß der Mann bereits auf dem Sofa. Auf dem Schoß ein MacBook. Auf dem Bildschirm: ein Wohnungsgrundriss. Nachgebaut in Photoshop. Mit kleinen lila Quadraten und Quadern für Möbel, die wir bereits besitzen. Und kleinen grünen Quadraten und Quadern für Möbel, die wir noch würden anschaffen müssen. Ich sah den Mann an. Der Mann sah mich an. Ich sah den Grundriss an. Ich sah wieder den Mann an. Und ging schlafen. Weil spät. Weil müde. Nicht so der Mann. Der musste Möbel-Tetris spielen. Das kann er sowieso besser als ich. Er ist ja schließlich Designer.

2. Akt – Die Wohnungseinrichtung, 2. Szene

Letzte Woche waren wir in Hamburg. Wohnungsübergabe. Was wir nun hatten: viel Platz. Was wir nicht hatten: eine ähnliche Vorstellung von der Raumaufteilung. Also spielten wir gemeinsam Möbel-Tetris. Sagte ich „gemeinsam“? Ich wusste nicht, dass man Tetris auch gegeneinander spielen kann. Bis jetzt. Ich wusste auch nicht, dass beim Tetris Blickfluchten, Feng Shui und Beamerwände eine Rolle spielen. Bis jetzt. Der Mann wusste das natürlich vorher. Er ist ja schließlich Designer. Ihr erinnert euch an den Todesfall? Er war zum Greifen nah. Sprichwörtlich. In Form eines Halses. „Das Scheitern des Helden ist in der Tragödie unausweichlich.“ So steht es bei Wikipedia. Und da steht nichts davon, dass der scheiternde (oder scheidende) Held nicht auch Designer sein darf.

Epilog im Himmel (Ja, ich klaue bei Goethe)

Bei unserem zweiten Date dozierte der Mann im Planten & Blomen zehn Minuten über das grafische Muster des Federkleides einer vorbeitreibenden Ente. Ich habe mich trotzdem (oder vielleicht deshalb) in ihn verliebt. Also lasse ich gelassen die Beinchen von Wolke 7 baumeln, klinke mich einfach aus, wenn es zu anstrengend wird, und beobachte amüsiert die Emotionen, die sich während des Möbelquaderschubsens auf seinem Gesicht abzeichnen.

Am selben Punkt: Warum ich alleine verreise

- - Seelenmädchen

Der Mann und ich verreisen zusammen. Also zusammen alleine. Also zur gleichen Zeit, jeder für sich. Das Überraschendste daran? Die Reaktionen der anderen. “Läuft nicht mehr?” “Doch. Läuft.”

Auf die Frage nach dem “Warum dann?”, gibt es keine allgemeingültige Antwort. Weil alleine reisen den Charakter bildet. Weil wir uns gerne fragen, wer wir sind und warum wir so sind, wie wir sind. Und weil wir wissen, dass wir die Antwort darauf nicht im anderen finden. Oder ganz einfach: Weil der Wunsch älter ist, als die Beziehung.

Dein Weg. Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück. Into the Wild. Spuren. Immer, wenn ich Filme sehe, in denen sich jemand alleine auf den Weg macht – wohin auch immer – fängt dieser kleine hibbelige Kobold in mir an, auf meinem Magen Trampolin zu springen und zu rufen: “Los, los, los, los – worauf wartest du noch? Geh, hau ab, zieh Leine.” Wieso ich nie losgezogen bin … ich weiß es nicht. Wenn das Geld da war, hat der Mut gefehlt. Wenn der Mut da war, hat das Geld gefehlt. Und wenn beides da war, hatte ich eine andere Ausrede. Aber die Sehnsucht ist geblieben. Die Sehnsucht, auszubrechen und mir irgendwo in der Fremde selbst zu begegnen.

Vielleicht muss eine gute Beziehung das auch aushalten können. Sagen sie. In einer guten Beziehung macht das Wort “aushalten” in diesem Zusammenhang keinen Sinn. Denke ich. Was wir aushalten müssen, ist die eigene Unsicherheit in Bezug auf den anderen. Und für solche Unsicherheiten lässt eine gute Beziehung keinen Platz.

Vielleicht kann man den Wert einer Beziehung sogar daran messen, wie sehr man sich auf die Erfahrungen des anderen freut. Weil man weiß, dass das, was man gemeinsam hat, an diesen Erfahrungen genauso wachsen wird, wie an den eigenen.

Man kann doch an neuen Erfahrungen auch gemeinsam wachsen. Sagen sie. Natürlich kann man das. Aber wichtiger als immer den denselben Weg zu nehmen, ist es, immer grob in dieselbe Richtung zu laufen. Denke ich. Sodass man sich am Ende wieder treffen und gemeinsam auf zwei Wegstrecken zurückblicken kann. Denn eines ist nunmal Fakt: Wenn man zwei Geraden aneinanderknüpfen kann, statt sie nur nebeneinander zu legen, hat man am Schluss nicht nur den längeren Weg zurückgelegt – man ist auch am selben Punkt angekommen.

Rückblick:
31 Days of Japan

- - Seelenmädchen

Mit dem Januar gehen auch meine 31 Days of Japan zu Ende. Theoretisch. Praktisch steht meine Japan-Reise kurz bevor und dementsprechend wird auch die Beschäftigung mit dem Land des Lächelns noch ein wenig anhalten. Dennoch ist es an der Zeit für einen kurzen Rückblick.

“Langsam machst du mir Angst!”, sprach der Mann, bekennender Japan-Fan, Anfang des Monats. Völlig unverständlich. Wühlte ich mich doch durch sein eigenes japanisches Büchersortiment, zog seine alten japanischen DVDs aus dem Regal, durchforstete iTunes nach japanischen Animes, schaute Dokus über die Yakuza, buchte eine Japan-Reise quer durch’s Land und fing schließlich an, Japanisch zu lernen. Kein Grund zur Sorge, wie ich finde. Übrigens: Die iTunes-Suche könnt ihr euch sparen, euch aber dafür ab morgen “Prinzessin Mononoke” und “Chihiros Reise ins Zauberland” von mir leihen. Vorausgesetzt, Amazon macht einen guten Job.

Leider blieb zwischen dem Job, dem Jobwechsel und der Wohnungssuche in Hamburg (Altona, wir kommen!) nicht ganz so viel Zeit für Japan, wie ich gerne investiert hätte. Ich kann alle Schriftzeichen des Hiragana-Alphabets schreiben, bin aber weit davon entfernt, einen japanischen Satz lesen zu können. Ich kenne alle japanischen Restaurants Münchens, war aber noch in keinem davon essen. Ich weiß, wo die Reise hingeht, aber kaum etwas über die Geschichte des Landes. Um’s kurz zu machen: 31 Tage sind zu wenig, um ein fremdes Land und seine Kultur in allen Facetten zu erfassen. Aber Deadlines sind ja bekanntermaßen dazu da, sie zu verschieben – in diesem Fall auf den 31. März.

Am liebsten hab ich mich mit der japanischen Sprache beschäftigt. Aber um es mit den Worten Fontanes zu sagen: Es ist ein zu weites Feld. Kein Wunder, wenn man drei Sprachen (Japanisch, Chinesisch, Englisch) einfach mal wild miteinander mixt. Wenn sich jemand von euch auch mal autodidaktisch in die japanische Sprache reinfuchsen möchte: die App “Human Japanese” kann ich nur empfehlen. Gut gemacht, locker geschrieben, verständlich erklärt. Schönes Design. Sie liefert (bereits in der Gratis-Version) Hintergrundwissen und arbeitet mit Audio-Aufnahmen einer Japanerin. Die App ist zwar eigentlich für englischsprachige Nutzer gedacht, ich hatte aber keinerlei Probleme mit dem Verständnis (und ich bin jetzt nicht grad der Englisch-Crack schlechthin). In diesem Sinne: 多祥; たしょう

Human Japanese

WE WILL BE BACK

- - Seelenmädchen

“Und, was wirst du an München vermissen?”, fragt der Mann, als wir Hand in Hand durch Neuhausen spazieren. “Hm”, ich überlege kurz. “Die Windstille, auch wenn es kalt ist. Den guten Inder gegenüber und den guten Griechen direkt um’s Eck.” Wir gehen schweigend weiter. “Und die Berge natürlich. Das war schon schön letzten Sommer. Nur der Sommer, der war nicht schön.” Der Mann nickt. Uns fallen dann noch der Starnberger See ein. Und der Tegernsee. Und die Biergärten. Vor allem die Biergärten. Das Oktoberfest, das werden wir nicht vermissen. Denn wenn es nach dem Mann geht, würden wir morgen die Flüge zurück nach München buchen. Wenn es nach mir geht, erst übermorgen.

München ist schön. Ich mag München. Aber München hat eben einen entscheidenden Fehler: Es ist nicht Hamburg. Und wenn der Mann mich fragen würde, was ich an Hamburg am meisten vermisse, würde ich antworten: “Meine Freunde.” Das wiegt nunmal schwerer als die bayrischen Alpen. Is’ so.

Ja, wir kommen wieder. Nicht heute. Nicht morgen. Aber schon bald. Vorher mach ich eben nur noch kurz meinen kleinen Abstecher nach Japan, das liegt ja quasi auf dem Weg. Immer wenn hier jemand sagt: “Dann bist du ja nicht wirklich lang hier gewesen.” Dann antworte ich: “Nein. Ich hab’ nur ein Auslandssemester gemacht.” Und damit meine ich dann nicht Japan.

Einen kleinen Haken hat die ganze Sache: Wir sind wieder auf der Suche. Nicht nach uns. Auch nicht nach dem heiligen Gral. Obwohl das, was wir suchen, ähnlich schwer zu finden sein dürfte. Drei bis vier Zimmer. Schön gelegen. Und wenn schon nicht schön, dann doch wenigstens praktisch. Tipps werden mit ewiger Dankbarkeit belohnt. Bei Erfolg vielleicht sogar mit einem Mittagessen. Und einem Karmapunkt. Und noch einem. Und noch einem.

Oktoberfest

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