“@Elfenkind Ich bin immer froh, wenn keiner fragt. Weil die Antwort oft so rüberkommt, als wolle man jemanden überzeugen.” “@kommanderkat Richtig. Die fangen an zu diskutieren. Ich will gar nicht diskutieren. Weil ich mich nicht für meinen Lebensstil rechtfertige.”
Dieser kurze Dialog mit Kathrin ergab sich heute auf Twitter, nachdem ich in einem Tweet davon erzählte, dass ich das Gefühl habe, ich könnte die Frage nach dem “Warum?” bezüglich meines kleinen Vegetarier-Experiments nie hinreichend beantworten. Dass ich es aber nicht kann, kommt nicht von ungefähr. Ich möchte es überhaupt nicht können. Weil ich nicht verstehe, weshalb mir diese Frage von jedem Zweiten gestellt wird.
Ja, Tiere werden gequält. Sie trampeln sich in einer eines Lebewesen unwürdigen Massentierhaltung halb zu Tode. Sie werden in viel zu engen Lastern durch die halbe Welt transportiert und verenden in ihrem eigenen Kot. Ja, abgelaufenes Fleisch wird umetikettiert, um das Mindesthaltbarkeitsdatum eine Woche nach hinten zu verschieben. Und dabei sterben die meisten Tiere einen höchst überflüssigen Tod, weil ein Großteil der Fleischstücke direkt in die Tonne hinter dem Supermarkt wandert. Weil der Mensch den Hals nicht vollbekommen kann, weil es nicht ausreicht zwischen drei Fleischsorten zu wählen, weil man Gästen ja auch etwas ganz Besonderes bieten muss. Ja, das ist mir alles bewusst. Und zudem produzieren zu viele Kühe zu viel Methan und deswegen stirbt gemeinsam mit den Kühen auch noch unsere Umwelt. Ich weiß es und ich weiß, dass das alles grausam ist und trotzdem behaupte ich nicht, dass ich meinen Fleischkonsum aus ideologischen Gründen eingestellt habe. Weil es zumindest teilweise geheuchelt wäre. Weil ich all das und noch viel mehr auch schon vorher wusste und es mir trotzdem egal war. Weil es mir geschmeckt hat.
Was aber hat mich dann dazu getrieben? Ich kann es nicht an einem bestimmten Auslöser festmachen. Ich las viel über den Buddhismus, weil ich wieder begann, mich mit Yoga auseinanderzusetzen. Und da Yoga und vegetarische oder sogar vegane Ernährung oft Hand in Hand gehen, habe ich mich zwangsläufig auch ein wenig damit beschäftigt. Manche Dinge fand ich interessant und ich bekam Lust, es auszuprobieren. Ein Anreiz lag bestimmt auch darin zu testen, wie schwer es mir fallen würde, meine eigenen Gelüste nach Fleisch unter Kontrolle zu bringen. Ob ich es trotz Grillsaison und Urlaub an der Küste mit ihren fischigen Verlockungen durchhalten würde. Ich rauche nicht, ich trinke Alkohol nur in Maßen – aber würde ich einfach etwas abstellen können, das, seit ich denken kann, Teil meines Lebens ist?
Dazu kam, dass meine besten Freundinnen aus Hamburg Vegetarierinnen sind. Ich entdeckte also viele Möglichkeiten, in der Stadt vegetarisch und trotzdem sehr lecker essen zu gehen. Zum Beispiel im Seasons, das jeden Mittag ein abwechslungsreiches und leckeres vegetarisches Buffet auffährt.
Eigentlich war es wie immer, bevor man eine große Entscheidung für das weitere Leben fällt: Es spielten viele Faktoren zusammen und einer alleine hätte wahrscheinlich nicht die Kraft gehabt, mich zu einem solchen Experiment zu bewegen. Ich rede von einem Experiment, weil es für mich nach wie vor ein solches ist. Ich würde lügen, würde ich behaupten, dass es mir in jeder Situation leicht fällt, auf Fleisch zu verzichten. Manchmal vergesse ich es auch vorübergehend und freue mich schon auf den nächsten Spargel mit Schinken oder das leckeres Sushi mit Lachs. Bis mir dann wieder einfällt: >>Möööp, is nich mehr.<< Aber das führt auch dazu, dass ich mich momentan immer wieder ganz bewusst für meine neue Lebensweise entscheide. Oft bin ich dann ein bisschen stolz auf mich. Aber ich würde niemals nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass ich nicht früher oder später doch wieder schwach werde.
Ich weiß, warum ich dieses Experiment gestartet habe: Ein bisschen Ideologie, gewürzt mit einer Prise Buddhismus-Interesse, garniert mit der Neugier, wie es um meine Willenskraft bestellt ist. Das Ganze serviert an neuen Erfahrungen und dem Forschungstrieb ob der körperlichen Auswirkungen. Wenn mich jemand fragt, warum ich zur Vegetarierin wurde, werde ich weiterhin antworten: Ich hatte Lust. Und weil ich es kann. Das erspart mir in den meisten Fällen lange Diskussionen und ein süffisantes Lächeln.