“Ich geh zu Pixar!”

- - metamaedchen

Moin. Kommt mal mit, ich will euch jemanden vorstellen. Und zwar Eva. Ich kenne Eva aus meiner Zeit bei Grabarz & Partner. Dort haben wir zusammen an Volkswagen und Volkswagen Nutzfahrzeuge Katalogen gebastelt. Bis ich hinschmiss, um mein Glück in einer anderen Agentur zu suchen. Und Eva hinschmiss, um ihr großes Ziel Pixar in Angriff zu nehmen. Einerseits der spannendere Grund für eine Kündigung, andererseits ein ziemlich ambitioniertes Vorhaben. Aber ich finde Größenwahn in kleinen Dosen ja ziemlich sympathisch. Das alles war vor ungefähr einem Jahr. Ein guter Zeitpunkt, um eine erste Bilanz zu ziehen. Also, Eva, erzähl doch mal: Was ist seither passiert? Was hast du unternommen, um der Verwirklichung deines großen Traumes ein Stückchen näher zu kommen?

Eva:
Haha, Größenwahn in kleinen Dosen :D finde ich gut. Ich glaube, ich muss da ein wenig weiter ausholen. Man wacht ja nicht eines Morgens auf und denkt “Hm, ich glaube, ich kündige heute und geh zu Pixar.” In mir machte sich über die Zeit eine große Unzufriedenheit breit, die ich anfangs gar nicht genau erklären konnte. Irgendwann wusste ich: Grafiker für Volkswagen will ich nicht mehr sein. Aber ich wusste, dass es im Grunde um eine ganz andere Frage ging: Will ich überhaupt noch in der Werbung bleiben? Die Antwort überraschte mich selbst wohl am meisten: Nein, will ich nicht. Und das, obwohl seit meinem 15. Lebensjahr für mich feststand, dass der coolste kreative Job der eines Werbers ist. Um das erstmal zu verdauen, sprach ich mit meinen engen Freunden und mit meiner Familie darüber.

Meine Mutter war es schließlich, die mich daran erinnerte, dass ich in den Poesiealben meiner Schulfreunde die Frage nach meinem Berufswunsch stets mit “Zeichner bei Disney” beantwortete. Nun, Disney mag ich noch immer sehr, aber Pixar schafft es, mich zu verzaubern. Ich rechnete mir allerdings nicht die geringste Chance aus und verwarf die Idee erst einmal wieder, so verrückt erschien sie mir. Aber sie schaffte es immer wieder an die Oberfläche und fragte mich erst leise, dann immer lauter, warum ich bloß so ein Schisser sei. Ich hatte keine Antwort darauf.

Also fing ich an rumzuspinnen und rechnete aus, wie lange ich ungefähr brauchen würde, um mich schließlich bewerben zu können. Die Antwort: lange! Wieder bekam ich es mit der Angst zu tun.

Doch dann schaltete sich das Schicksal ein. Und plötzlich stieß ich an jeder Straßenecke auf Pixar-Plakate. Tatsächlich kam eine Jubiläums-Ausstellung nach Hamburg, die Skizzen und Conceptart zu den bisherigen Filmen zeigte. Kurze Zeit später kam mein Freund mit der Nachricht nach Hause, dass bald jemand von pixar kommen und über seinen neuen Kurzfilm (the blue umbrella) und Pixar sprechen würde. Natürlich fuhren wir hin – ich war begeistert! Der junge Mann, ebenfalls aus Hamburg, kam gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. Und seine Begeisterung fühlte sich echt an. Schließlich suchte ich hochmotiviert nach Zeichenkursen im Internet, um mir den Wiedereinstieg ins Illustrieren etwas zu erleichtern. Und wieder schaltete sich das Schicksal ein. Ich stieß zufällig auf die Seite schoolism.com, über die man – ich konnte es gar nicht glauben – Zeichenkurse bei den kreativen Köpfen von Pixar selbst buchen konnte. Natürlich kosten diese Kurse nicht wenig, aber ich hatte einiges gespart und meldete mich gleich an. Das sollte sich noch als grandiose Entscheidung herausstellen. Aber später mehr dazu.

Ab diesem Moment verbrachte ich jede freie Minute damit, über Pixar zu recherchieren, sah mir making-ofs an und las Interviews – und war schließlich bereit, den Traum in Angriff zu nehmen. Der Rest ist bekannt – ich kündigte und erntete ein paar verwunderte, aber interessanterweise auch viele bewundernde Blicke, mit denen ich ehrlich gesagt gar nicht so gerechnet hatte. Das motivierte mich zusätzlich. Und ich war mir sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Seit der Kündigung mache ich, ganz simpel, eines: Ich zeichne – wann immer es geht.

05Charakter

Metamädchen:
Du bist ja sogar nach San Francisco geflogen und durftest dein Näschen in die heiligen Hallen von Pixar stecken. Wie war das so? Was hat dich am meisten beeindruckt? Hat dich das noch mal zusätzlich motiviert?

Eva:
Oh ja, das hat es! Das war schon der totale Wahnsinn und kommt mir manchmal noch heute echt surreal vor: Man trifft eine Entscheidung und >>zack<< eröffnen sich einem ungeahnte Möglichkeiten. Und schon wieder war das Schicksal am Werk: Es gibt bei uns zuhause so eine Art Tradition. Mein Vater war bis vor Kurzem Pilot und jedes von uns vier Mädels (ja, ich habe drei Schwestern!) durfte sich so mit 15/16 Jahren eine Reise aussuchen. Letztes Jahr war meine kleine Schwester an der Reihe und sie suchte sich ausgerechnet San Francisco aus – die Heimatstadt von Pixar! Und ich durfte mit! Also ergriff ich die Chance beim Schopf und schrieb meinem zukünftigen Lehrer. Ich fragte ihn, ob wir uns auf einen Kaffee treffen könnten – schließlich war das Ziel, irgendwann seine Kollegin zu werden.

Ich hatte ja nichts zu verlieren, war aber trotzdem überrascht, wie schnell die Antwort kam: “Klar kannst du! Aber willst du mich nicht lieber bei Pixar besuchen? Ich führe dich gerne rum!” Ich war platt. Und nur ein paar Wochen später öffneten sich die Tore von Pixar für mich. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, den Ort seiner Träume betreten zu können. Ich sollte mich im “Steve-Jobs-Building” anmelden. Das wissen übrigens auch nicht viele: Als Steve Jobs einige Zeit nicht mehr bei Apple arbeitete, war er mal so ganz nebenbei Mitbegründer von Pixar. Verrückter Typ! Ich wurde dann sehr nett von Daniel, meinem künftigen Zeichenlehrer, empfangen. Er zeigte mir quasi alles – abgesehen vom Art Department, wo die ganze Magie – also die neuen und noch ganz geheimen Ideen – entsteht. Aber es war auch so richtig, richtig toll. Ich bekam ehrliche Antworten auf all meine Fragen, erfuhr viel über Pixar und noch mehr über meinen Traumberuf. Später trafen wir in einer der rund 35 (!) Café-Bars auf Daniels Freunde, die mich (und ich sie) ausfragten. Darunter war auch einer meiner liebsten Story-Artisten, Louis Gonzales. Man, war ich eingeschüchtert! Aber nach ein paar Jalapeño-Tequila-Cocktails taute ich auf und lernte, dass die Leute bei pixar nicht nur unheimlich talentiert, sondern auch offen, witzig und nicht etwa, was man ja eigentlich erwarten könnte, irgendwie eingebildet sind. Und vor allem, dass sie auch nur Menschen sind. Alle Bekanntschaften, die ich dort gemacht habe, arbeiten übrigens schon über 10 Jahre dort und sind (immer noch) glücklich. Kurz zusammengefasst: Es war ein wunderbarer Tag mit 1000 Eindrücken, der meinen Wunsch vertieft und mich noch mehr motiviert hat, alles zu geben.

01Foto

Metamädchen:
Wie viele Stunden am Tag sitzt du vor deinem Skizzenblock? Gibt es beim Zeichnen irgendwas, was dich immer wieder in den Wahnsinn treibt? Was fällt dir besonders schwer?

Eva:
Ich versuche, das Zeichnen als eine Art Job zu sehen und mich mindestens acht Stunden am Tag damit zu beschäftigen. Das heißt aber nicht, dass ich immer acht Stunden durchzeichne. Oft sammle ich Ideen, schaue mir andere Künstler und ihre Herangehensweisen an oder fertige einfach lockere Skizzen an, um mich “aufzuwärmen”.

Eine Sache, die mich regelmäßig in den Wahnsinn treibt, ist die liebe Kontrolle. Ich bin leider ein regelrechter Kontrollfreak, was meine Zeichnungen angeht. Ich versuche ständig, ein gewisses Resultat von mir zu verlangen, auch wenn ich handwerklich noch gar nicht so weit bin. Oder ich ärgere mich, wenn es anders wird als gedacht. Langsam bekomme ich das aber in den Griff, denn ich fange an, zu akzeptieren, dass ich noch nicht alles können kann und erst mal bei dem Fundament anfangen muss, um ein stabiles Haus zu bauen. Das heißt, ich übe erst mal das Handwerk, bevor ich ein Meisterwerk von mir verlange. Außerdem bekommt man ein richtiges Freiheitsgefühl, wenn man nicht beim ersten Strich auf dem Blatt an das Endresultat denkt, sondern der Zeichnung die Gelegenheit gibt, sich zu entwickeln.

Metamädchen:
Wo nimmst du deine Ideen her? Zeichnest du strikt nach einem Lehrplan? Oder lässt du deiner Fantasie freien Lauf?

Eva:
Ein bisschen was von beidem, würde ich sagen. Wenn ich eine Idee habe, dann überlege ich, ob sie Zeug zu einem ganzen Projekt hat oder ob daraus eher eine Reihe von Einzelbildern wird. Und danach richtet sich dann mein Plan, denn ganz ohne geht es nicht. Das ist so eine Art roter Faden, an dem ich mich entlang hangele, auch damit ich nicht zu viel Zeit vertrödele.

Meine Ideen kommen auf ganz unterschiedliche Weise zustande. Einmal hatte ich Lust, ein Märchen zu illustrieren, wollte aber keines von Grimm nehmen, weil diese schon wirklich oft interpretiert wurden. Also suchte ich nach anderen Märchen und stieß dann auf irische Sagen und illustrierte die Legende von Cú Chulainn, einem kleinen Jungen, der zu einem großen Helden wurde.

Oder ich schnappe Szenen auf, Wortfetzen, die inspirierend sein können … oder ich finde ein Gesicht, das ich interessant finde und illustrativ umsetze.

Metamädchen:
Gibt es so was wie die Schreibblockade auch für Illustratoren? Sitzt du manchmal vor einem weißen Blatt, willst zeichnen, hast aber keine Ahnung, wen oder was? Und was tust du dann?

Eva:
Oh ja, das gibt es auch bei Illustratoren. Ich hatte zum Glück noch keine richtig schlimme, aber das kommt durchaus mal vor. Wenn mein Kopf total leer ist, dann hilft es mir zum Beispiel rauszugehen und Leute zu zeichnen – dann fokussiere ich mich auf die “Essenz” der Person, zum Beispiel eine große Nase, und zeichne dann eine Seite voll mit Menschen, die große Nasen haben. Oder ich schalte tatsächlich den Fernseher ein, denn beispielsweise bei Sportsendungen kann man super bestimmte Gesten zeichnen – etwa einen hoch konzentrierten Torhüter. Zudem folge ich auf Instagram dem Account “sketch_dailies”, der jeden Tag ein neues Thema postet, zu dem man sich kreativ austoben kann.

Wenn also nichts mehr geht, widme ich mich diesen “kleinen” Minutenskizzen und mache daraus auch nichts größeres.

02Cafezeichnungen

Natürlich gibt es auch Tage, an denen gar nichts läuft. Wenn ich nur Mist produziere, zwinge ich mich auch nicht zum Zeichnen. Dann gehe ich eine Runde spazieren, treffe Freunde oder fahre für ein Wochenende zu meiner Familie. Und wenn ich dann wieder nach Hause komme, ist in der Regel alles wieder okay.

Metamädchen:
Dein nächstes Etappenziel ist London. Im September gehts los. Was hast du dort genau vor?

Eva:
Ja, richtig! Darauf freue ich mich riesig! Ich werde dort die nächsten zwei Jahre Illustration studieren, um noch mehr Input und Kritik zu bekommen. Für sich alleine zu zeichnen, ist zwar auch toll, aber ohne Kritik steckt man meiner Meinung nach irgendwann fest. Die Dozenten an der Middlesex-University, an der ich studieren werde, richten sich auch nach individuellen Plänen, was sich bei mir als äußerst wertvoll erweist. Eine gute Sache ist nämlich, dass Louis Gonzales, der Story-Artist von Pixar, auch für die kreativen Praktika zuständig ist und mir sehr gute Tipps gegeben hat. Deshalb weiß ich auch, auf was ich den Fokus setzen werde. Denn schließlich will ich keine Kinderbücher illustrieren, sondern auf kurz oder lang für Filme zeichnen können.

Metamädchen:
Bekommst du manchmal Bammel vor der eigenen Courage und denkst dir: “Aaaalter, was hat mich da eigentlich geritten?” Oder hast du die seltene Gabe, zu jeder Zeit ganz fest daran zu glauben, dass du dein Ziel erreichst?

Eva:
Und ob, regelmäßig sogar. Ich erwische Herrn Zweifel alle paar Monate dabei, wie er sich neben mir auf dem Sofa ausbreitet und mir gehässig zuflüstert: “Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Denkst du, du bist etwas Besonderes? Du wirst es niemals schaffen, wenn du so faul bist!” Danach verschwindend er lachend wieder. Und ich? Ich sitze auf der Couch wie ein Häufchen Elend, bemitleide mich selbst und entwickle Plan B und C. Aber dann kommt wieder meine gute Freundin, das Schicksal, klopft mir auf die Schulter und überreicht mir die Annahme zum Illustrationsstudium. Und die Nachricht, dass ich sogar im 3. Semester beginnen darf. Oder es lässt mich auf andere kreative und tolle Menschen treffen, die mich wieder aufbauen.

Metamädchen:
In welchen Momenten sind die Zweifel am stärksten? Und wie gehst du damit um?

Eva:
Anfangs war ich beispielsweise sehr frustriert. Ich glaubte, schon gleich einen Stil entwickeln zu müssen und verwechselte ein gutes Bild mit einem Bild, das sehr real aussehen musste. Da merkte ich wieder, dass es ein langer, langer Weg werden würde und das hat mich etwas demotiviert. Aber nach Daniels Kurs bekam ich ein wenig Routine. Ich lernte, wie ich mich locker machen konnte, wie man komplexe Sachen herunterbrechen kann und wie man die Dinge am besten anpackt. Und plötzlich war es gar nicht mehr so schlimm, Fehler zu machen, sondern es war immer nur ein Schritt, um noch besser zu werden. Ich habe gelernt, mich einfach nicht so unter Druck zu setzen.

Für gewöhnlich sind die Zweifel dann am schlimmsten, wenn ich einen schlechten Tag habe und mir, wie vorhin beschrieben, gar nix gelingen will. Wenn mir mein Plan dann zu abwegig erscheint und Herr Zweifel wieder vorbeischaut, hole ich Plan B und Plan C heraus und wedle damit vor seiner Nase herum. Schließlich bin ich nicht doof und weiß auch, was ich mache, wenn es mit Pixar nicht klappt. Aber gleich danach verstecke ich die Alternativen wieder tief in der untersten Schublade, weil ich fest daran glaube, dass ich sie nicht brauche.

Metamädchen:
Ein schönes Schlusswort, wie ich finde. Dann können wir es meinen Lesern ja jetzt verraten oder?

Eva:
Auf jeden Fall!

Also, dann lüfte ich mal das Geheimnis: Eva wird in Zukunft mein Blog ein wenig verschönern und da, wo es sich anbietet, ihre hübschen Illustrationen beisteuern. Dann wird hier alles ein bisschen bunter und darauf freu ich mich jetzt schon. Und in ungefähr einem Jahr schauen wir dann wieder, was Evas großer Traum gerade treibt. Oder ob Herr Zweifel doch zuletzt lacht. Aber das kann ich mir bei Evas Tatendrang kaum vorstellen. Falls ihr Evas Werdegang in der Zwischenzeit verfolgen wollt, könnt ihr das auf Instagram tun: Fräulein Susi.

Per Leo
Channah Trzebiner
Die dritte Generation

- - metamaedchen

Ich lese gerade zwei Familienromane. Der eine orientiert sich am klassischen Familienroman, erinnert entfernt oder auch gar nicht mal so entfernt an die Buddenbrooks, ist mal leichter, aber oft genug schwerer zu lesen, schweift ab, verliert sich auf Nebenschauplätzen. Dabei behandelt er ein Thema, das für sich genommen so komplex ist, dass es ganze Brockhaus-Bände füllen könnte. Dem gegenüber steht ein Buch, das mich manchmal an meine alten Tagebücher erinnert. Die Innenschau einer jungen Frau erzählt davon, wie es ist, in einer traumatisierten Familie aufzuwachsen und wie schwierig es sich gestaltet, unter solchen Bedingungen zu einer eigenständigen, starken Persönlichkeit heranzureifen. Dementsprechend verdichtet und in klarer Sprache reflektiert die Autorin die Vergangenheit und ihre Auswirkungen auf die Gegenwart.

Die Rede ist von Per Leos “Flut und Boden” und Channah Trzebiners “Die Enkelin – Oder wie ich zu Pessach die vier Fragen nicht wusste”. Das Spannende an dieser Konstellation: die dritte Generation erzählt zwei Seiten derselben Geschichte. Nämlich die des Holocaust – und eben auch wieder nicht. Es geht um den Holocaust. Aber noch mehr geht es um Menschen. Um Persönlichkeiten. Um Psychologie. Es geht um “wie es so weit kommen konnte” und um “was daraus für uns folgte”. Der Enkel rekonstruiert den Werdegang des Großvaters bis hin zum Abteilungsleiter im Rasse- und Siedlungshauptamt der SS. Die Enkelin seziert, wie sich das Trauma der Großeltern – Resultat der erlittenen Gräuel während der NS-Zeit – auf das Selbstwertgefühl der zweiten und dritten Generation – ihrer eigenen Generation – auswirkt. Zwei Bücher, die für mich einen sehr wichtigen Beitrag leisten.

Ich wurde schon in meiner Kindheit für die ganze Thematik sensibilisiert. “Als Hitler das rosa Kaninchen stahl” von Judith Kerr, “Sternenkinder” von Clara Asscher-Pinkhof und “Das Tagebuch der Anne Frank” zählten zu meinen Lieblingsbüchern. Und doch schaffte es meine Schulzeit, mir die Auseinandersetzung damit zu verleiden. Zu oberflächlich, zu einseitig und vor allem viel zu häufig und in zu vielen Fächern gleichzeitig wurde der Zweite Weltkrieg behandelt. Man stellte zwangsläufig irgendwann auf Durchzug. Was dazu führte, dass ich heute viel weniger über das Thema weiß, als ich eigentlich wissen sollte. Weil ich einfach irgendwann nichts mehr darüber wissen wollte. Die Sicht von zwei indirekt (und dabei doch so direkt) Betroffenen meiner eigenen Generation hat mein Interesse nun endlich wieder zum Leben erweckt. Per Leo und Channah Trzebiner haben nicht über den Zweiten Weltkrieg geschrieben. Sie haben über Menschen geschrieben. Und wenn ich eine Leidenschaft für irgendetwas habe, dann für Menschen und für ihre Geschichten. Für Geschichten, die mir erzählen, wie diese Menschen zu dem wurden, was sie heute sind. Oder damals waren.

“Als ich Bergen-Belsen verlasse, fühle ich wieder einmal das Glück, nicht auf der anderen Seite stehen zu müssen. Natürlich hat die Nachkriegsgeneration und die dritte Generation keinerlei Schuld! Selbstverständlich nicht. Aber ungeklärte Fragen und Tabus müssen belasten, und auch den unbeschwertesten Enkel wird doch die Frage einmal im Leben quälen, was die Großeltern getan haben.”
Aus: Channah Trzebiner, Die Enkelin

Der schlechteste beste Zeitpunkt

- - metamaedchen

Ich mach jetzt diesen Vegankram. Und eigentlich ist der Zeitpunkt ziemlich perfekt: Ich habe dreieinhalb Wochen frei, bevor ich in den neuen Job starte. Ich kann Stunden mit der Recherche nach merkwürdig und meistens eher mittel lecker klingenden Lebensmitteln verbringen. Ich kann noch mehr Zeit mit Küche einsauen und Spurenbeseitigung über den Jordan schiffen. Ich kann die Lebensmittelregale im Supermarkt auf und ab wandern … und auf und ab … und auf und ab, immer auf der Suche nach Dingen, von denen ich niemals gedacht hätte, dass ich jemals nach ihnen suchen würde. Und von denen offensichtlich auch keiner wollte, dass ich sie jemals finde.

Das alles ist aber irgendwie gar nicht mal so schlimm. Schließlich muss ich hier nur ein paar Meter in die eine Richtung hopsen muss, um im nächsten Reformhaus zu stehen, und ein paar Meter in die andere Richtung, um in Denn’s Bio-Supermarkt einzukaufen. Und wenn ich einmal über die Straße falle, liege ich quasi mitten in den veganen Brotaufstrichen von Budni.

Oder besser gesagt, wäre das alles gar nicht mal so schlimm, wenn ich mich nicht spätestens in 1,5 Wochen zwischen Schweinebraten und Stockfisch und Obatzda im Biergarten meines Vertrauens wiederfinden würde. Das einzige Mal, dass ich meinen mittlerweile 3 Jahre andauernden Vegetarismus (oder zuletzt Pescetarismus) gebrochen habe, war … in München. Auf dem Oktoberfest. Weil mich die Spanferkelsemmel des Mannes verführerisch angegrinst hat. Beste Voraussetzungen also, um jetzt als Veganerin zurückzukehren.

Als ich das letzte Mal in Bayern explizit nach einem vegetarischen Gericht fragte, erntete ich ratloses Schulterzucken. „Einen Teller Pommes und einen Beilagensalat könnt ich Ihnen anbieten.“ Hey, da fällt mir auf: das war ja sogar vegan! Na ja. Vielleicht. Je nachdem, in welchem Fett die Pommes gebrutzelt wurden.

Aber was jammere ich eigentlich? Direkt in unserer Münchner Straße befinden sich ein VollCorner, ein ayurvedisches Lebensmittelgeschäft und der beste Inder der Welt. Und die Kantine verfügt über die längste Salattheke der Welt. Na ja. Fast. So oder so: liebe vegane Münchner, ich brauche euch. Dringend. In 1,5 Wochen. Und bis es soweit ist, baue ich weiter Rote-Beete-Tofu-Avocado-Creme-Türmchen, recherchiere merkwürdig bis mittel lecker klingende Lebensmittel, saue die Küche ein und wandere schlecht sortierte Supermarktregale auf und ab … und auf und ab … und auf und ab.

Und wer will, verfolgt das Ganze auf Instagram: hier.

Red Tower

Kreativität I:
Von Gollum und anderen garstigen Kreaturen

- - metamaedchen

„Sie haben Germanistik studiert?“ „Ja.“ „Zu Ende?“ „Ja.“ „Wissen Sie, wir hatten schon Germanisten hier. Das sind meistens kluge Köpfe. Aber sie denken doch in sehr … regeltreuen Denkmustern.“ Pause. „Was ich damit sagen will: Sie müssen in der Lage dazu sein, die Denkmuster, die Sie sich im Germanistikstudium antrainiert haben, aufzubrechen. Trauen Sie sich das zu?“ „Ich denke schon.“ „Sie müssen wirklich in der Lage sein, Regeln zu durchbrechen. Schaffen Sie das?“ „Sie haben meinen Aufnahmetest vor sich liegen.“ „Das beantwortet nicht meine Frage.“ „Mit einem kleinen Jungen und einem aufblasbaren Delfin am Strand Werbung für eine Ballettschule zu machen, haben mir weder Chomsky noch Safranski beigebracht.“ Eine hochgezogene Augenbraue. „Hm, ja. Es ist noch nicht offiziell, also erzählen Sie es mal noch nicht weiter. Aber Sie sind dabei. Herzlich Willkommen an der Texterschmiede.“

So fing das an, mit mir und Hamburg und der Kreativität. Allein: Der alte, verrückte Mann sollte Recht behalten. Die Kreativität ist ein eitles, zähes Biest. In Verbindung mit Anspruch und Perfektionsdenken wird sie vom zähen Biest zum garstigen Gollum. Sie lockt einen in dunkle Höhlen, schaut einen mit ausgehungerten Augen an und wenn man ihr zu nahe kommt, tritt sie einen rücklings in den nächsten Abgrund. Dann hat man die Wahl: aufgeben oder den Aufstieg unter ihrem garstigen Lachen von Neuem beginnen.

Wenn man sie dann endlich in die Falle gelockt hat, verwandelt sie sich von der garstigen Kreatur in den einen Ring. Man verschwindet hinter ihr, löst sich auf, sie zehrt an den Kräften, laugt aus. Man lässt sich von ihr knechten, manchmal ohne zu wissen, wofür. Ohne zu wissen, wohin sie einen führt oder ob man jemals ankommen wird.

Kreativität verlangt viel. Vor allem dann, wenn man in eine Welt geboren wurde, in der klare Vorstellungen davon herrschen, wie die Welt funktioniert, was zu sein hat und was nicht. Denn dann bedeutet Kreativität meist auch, alles, was man kennt, alles, was man gelernt hat, und – nicht zuletzt – alles, was man ist, in Frage zu stellen. Das ist immer schwierig. Es ist aber nahezu unmöglich, wenn man keinen blassen Schimmer davon hat, wer man eigentlich ist oder wer man sein möchte. Wenn man um die eigene Ambivalenz weiß und eine vage Ahnung davon hat, dass man an etwas rütteln soll, das beim leisesten Windhauch ohnehin in sich zusammenfällt.

Kreativität verlangt viel. Sie gibt vor, sich aus der eigenen Zerrissenheit zu speisen und hat doch den Anspruch, eine Aussage zu treffen. Haltung zu zeigen. Eine Haltung, die geformt werden will. In einer Zeit, in der Ideale zu einem kostbaren und seltenen Gut geworden sind.

Kreativität verlangt also danach, sich erst selbst zu überwinden, um sich hinterher neu zu erschaffen. Und nicht zuletzt verlangt Kreativität nach Disziplin, nach Handwerk, nach Wissen und Erfahrung. Sie verlangt danach, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen. Sie verlangt danach, irgendwann einen Punkt zu setzen. Und das alles verlangt vor allem nach einem: den Arsch dazu in der Hose zu haben, sein Innerstes nach Außen zu kehren und es den Leuten vor die Füße zu rotzen.

Hamburg, die alte Diva, hat mir einiges beigebracht. Ich habe gelernt, loszulassen, mich ab und zu an die Bordsteinkante zu setzen und einfach nur zuzusehen. Wenn man die Dinge einmal angestoßen hat, rennen sie meistens in irgendeine Richtung, nicht immer unbedingt in die, die man vorhergesehen hatte, aber das ist ja das Gute daran. Ich habe gelernt, dass man Regeln nicht zwangsläufig brechen muss, oft genug reicht es, wenn man die Grenzen so weit dehnt, dass sie ein bisschen porös werden. Ich habe gelernt, dass der eigene Anspruch sich selten mit den Erwartungen anderer deckt und dass man deswegen gar nicht versuchen sollte, irgendwem zu gefallen – oder andersrum: Angst vor dem Nichtgefallen zu haben. Vor allem aber hat die Diva mir eines eingebläut: Es gibt Gollum und es gibt den Ring. Und wenn wir uns schon kaputt machen, dann doch nicht für einen alten, verdorrten und garstigen Hobbit.

Adieu, Part I

- - metamaedchen

Regen. Die Straße war nass. Die Pflastersteine waren glatt. Meine Schuhsohlen auch. Ich hatte gute Laune. Dann lag ich in der Pfütze und hatte sie nicht mehr. Die gute Laune war weg, dafür war ein Anzugträger da und hat mir aufgeholfen und hat mit mir gelitten. Wahrscheinlich mehr als ich, denn ich stand unter Schock. Ich sagte brav danke und guckte mich verwundert um. Eben war da noch mein Leben und nun war da ein anderes, vielleicht ein ganz neues, zumindest nicht mehr das alte. Also stand ich da, mit einer Haarrissfraktur im Fuß und einem Riss im Raum-Zeit-Kontinuum meiner kleinen Welt.

So oder so ähnlich könnte es sich abgespielt haben. Die genaue Reihenfolge weiß ich nicht mehr. Was ich weiß, ist, dass ich bald nicht mehr da sein werde, wo ich die letzten 4,5 Jahre war: in Hamburg. Ich gehe, ich bin dann mal weg und wahrscheinlich komme ich so schnell nicht wieder. Und am Schluss wahrscheinlich doch schneller als ich dachte. Aber das ist erstmal nicht der Plan. Der Wegweiser zeigt Richtung Süden, er zeigt Richtung Weißwurstäquator – und wenn der erstmal überschritten ist, gibt es vielleicht kein Zurück. Was aber nichts macht, denn dann werde ich ein Picknickwagerl, wenn schon nicht besitzen, dann doch wenigstens mieten, und ich werde mit Wein und Kuchen im Wagerl durch den Englischen Garten ziehen und mit den Wölfen den Mond anheulen. Verzeihung: anjodeln.

Hamburg war viel. Hamburg war mehr als ich in Worte fassen kann. Hamburg war am Anfang „So seltsam durch die Nacht“ und am Schluss „Das Leichteste der Welt“. Manchmal muss man in die Fremde gehen, um sich selbst zu finden und wie sehr das auf mich zutrifft, wissen nur meine besten und Besten und bei denen ist es gut aufgehoben, jetzt und hoffentlich für immer. Ich nehme ein Köfferchen voller Erinnerungen mit und lasse drei Köfferchen voller Dankbarkeit hier. Die Drei passt gut, denn spätestens in drei Wochen ist es an der Zeit, das Tor zur Welt hinter mir zu schließen. Das ist schnell, vielleicht ein bisschen zu schnell, aber vielleicht kann es auch nicht schnell genug gehen, wenn man das Gefühl hat, den nächsten Schritt Richtung Zukunft zu machen.

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