Ein echter
Jana Mehrgardt –
Versteigerung
für einen guten Zweck

- - metamaedchen

Vor einigen Wochen startete eine Freundin von mir spontan eine kleine Kunst-Aktion auf Facebook. Das Ganze entwickelte eine gewisse Eigendynamik und einige Wochen später präsentierte sie ihr Knaller-Ergebnis. Und was tut man mit einem sehr, sehr geilen Kunstwerk? Richtig. Man versteigert es in einer sehr, sehr geilen Auktion für einen supergeilen Zweck.

Das ist Jana. Oder besser: ein Selbstporträt von Jana.
Ich nenne es schlicht “Jana und Hase”.

Jana und Hase

Wie man unschwer erkennen kann, malt Jana sehr gerne sehr hübsche Bilder. Auf der Suche nach Inspiration für ihr neuestes Werk entschied Jana sich, mal etwas anderes auszuprobieren und die Schwarmintelligenz zu befragen.

Bildschirmfoto 2014-03-23 um 16.12.30

Falls ihr euch über das PS wundert: Tja, was soll ich sagen, sie kennt ihre Pappenheimer halt. Jedenfalls hatte Jana innerhalb kürzester Zeit über hundert Kommentare mit Vorschlägen gesammelt. Und ich glaube, “Penis” war nach der Ansage tatsächlich nur ein einziges Mal enthalten.

Aus diesen Vorschlägen hat sie ein grandioses Bild gestaltet, das wir hier und heute (und morgen und übermorgen) für den guten Zweck versteigern wollen. Aber bevor ich euch das Objekt der Begierde präsentiere, sollt ihr Jana ein bisschen besser kennenlernen.

Metamädchen:
Hi Jana. Viele meiner Leser kennen dich noch nicht. Stell dich doch mal kurz vor. Wer bist du und was machst du?

Jana:
Ich bin Jana, 29 Jahre alt und arbeite als Artdirektorin in einer Hamburger Werbeagentur. Ich mag kreativen Kram, Tiere, Spießer, nachts wach sein und Sprühkleber. Was ich nicht mag: tote Fische, Luftballons und Leute, die am Ende der Rolltreppe stehen bleiben.

Metamädchen:
Du hast Stürme der Begeisterung ausgelöst, als du deine kleine Aktion auf Facebook gestartet hast. Was war der Hintergrund?

Jana:
Langeweile, um ehrlich zu sein.

Metamädchen:
Ich beschäftige mich in meinem Blog ja ziemlich viel mit Kreativität, oft in Verbindung mit Psychologie. Deswegen hat mich eines bei dir schon immer besonders interessiert: Deine Eltern arbeiten im psychologischen Bereich. Du machst beruflich etwas ganz anderes. Was glaubst du, woher kommt deine Leidenschaft fürs Zeichnen und Gestalten?

Jana:
Ich glaub gar nicht, dass wir uns so sehr unterscheiden, sie haben nur einen anderen Weg in die Köpfe der Menschen gefunden und leben ihre Kreativität über andere Kanäle aus als ich.

Metamädchen:
Ich habe hier im Blog vor Kurzem Frank Berzbachs „Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen“ vorgestellt. Du liest gerade den Vorgänger “Kreativität aushalten”. Wie hältst du deine Kreativität aus? Ist Kreativität überhaupt etwas, was man „aushalten“ muss? Oder ist sie für dich eher eine Art großes Geschenk?

Jana:
Beides. Ich denke, die Dinge haben mehr als eine Seite. Einerseits ist es toll, eine Leidenschaft zu haben, die einen so sehr erfüllen kann, dass sie teilweise sogar definiert, wer und was man ist. Ich glaube auch, dass Kreativität tief in der persönlichen Struktur verankert ist und ein Grundbedürfnis für die Psyche darstellt. Deswegen schafft es eben auch Leiden, wenn man nicht in der Lage ist, dieses Verlangen zu befriedigen. Das zu verstehen ist eine Sache, dann herauszufinden, welche Art der Kreativität/Produktivität einen befriedigt, ist eine andere. Dazu kommt, dass man erstmal den Mut und das Können aufbringen muss, eine gute Idee auch gut umzusetzen und sie dann noch der Öffentlichkeit preiszugeben. Dahinter steckt meist viel von der eigenen Persönlichkeit. Ich habe manchmal das Gefühl, in mir sind lauter einarmige Banditen, die immer durchrauschen, nie Ruhe geben. Das erste Feld symbolisiert eine Idee, das zweite den Mut/die Fähigkeit und das dritte die passende Situation. Das erste Feld bleibt dauernd mal stehen, wird gescreenshotted und fachgerecht abgelegt, aber erst wenn die beiden anderen Felder passend zu dem ersten Bild stoppen, fühlt es sich wirklich gut an. Aber das Rattern der Maschine ist immer da, auch wenn man sich eigentlich wünscht, dass es einfach mal still steht. Das muss man schon aushalten. Aber wenn dann endlich mal wieder alle Bildchen passen, ist es fantastisch.

Es kann sein, dass ich diese Analogie irgendwo aufgeschnappt habe, das weiß ich nicht mehr so genau. Aber jedenfalls trifft sie meine persönliche Sicht auf Kreativität sehr genau.

Metamädchen:
Was glaubst du, wie sehr die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst das Werk eines Künstlers beeinflusst? Denkst du, es ist möglich, große Kunst zu schaffen, ohne in die Auseinandersetzung mit sich selbst zu gehen?

Jana:
Ich bin gerade in einer Ei-Huhn-Schleife gefangen…. also, ich weiß nicht, ob die Auseinandersetzung mit sich im Vorfelde bewusst stattfinden muss, aber ich denke, dass dann die Werke und das Schaffen den „Künstler“, zumindest in bestimmten Maße, dazu zwingen, sich und die Welt zu reflektieren. Vielleicht kann die Erkenntnis daraus aber auch erst später kommen, ohne dass man diese bewusst in das Werk einbringt.

Metamädchen:
Wo siehst du dich künstlerisch in 5 Jahren? Kannst du dir vorstellen, das irgendwann zu einem Vollzeitjob zu machen?

Jana:
Lieber Leser, diese Antwort ist under construction und wird am 24.03.2019 für Sie zur Verfügung stehen.

Metamädchen:
Gut, dann kommen wir zum eigentlichen Grund des Artikels. Du wurdest auf Facebook sehr oft danach gefragt, ob du das Bild verkaufen würdest und was du dafür haben möchtest. Jetzt hast du dich dazu entschieden, das Werk zu Gunsten der Tierschutzorganisation VIER PFOTEN zu versteigern. Warum hast du dich gerade für diesen guten Zweck entschieden?

Jana:
Die Ausbeutung von Erde und Tieren hat ein Maß angenommen, das ich persönlich nicht mehr tragen und ertragen kann. Deshalb habe ich mich schon vor längerer Zeit mit verschiedenen Tierschutzorganisationen auseinandergesetzt. VIER PFOTEN konzentriert sich auf Tiere, deren Leben direkt vom Menschen beeinflusst werden, wie z.B. Streuner-, Labor- und Nutztiere. Also auch um Themen, die in unserem Um- und Wirkungsfeld stattfinden. Viele wirklich vielversprechende Projekte werden von der Organisation unterstützt und realisiert. Ausserdem kommuniziert sie mit Menschen auf Augenhöhe, nicht mit erhobenem Zeigefinger, was meiner Ansicht nach unbedingt nötig ist, um nachhaltig etwas zu verändern. Die restliche Überzeugungsarbeit hat mein Bauch geleistet …

Metamädchen:
Find ich gut. Letzte Frage: Hat dein Bild eigentlich auch einen Namen.

Jana:
Jepp.

IN OUR HEAD

InOurHead_JM

(Auf Leinwand, Edding & Acryl, etwas größer als DIN A2)

Zur Versteigerung:

Die Versteigerung läuft genau 48 Stunden. Also bis übermorgen (26.03.) um 12 Uhr mittags. Geboten wird in den Kommentaren. Berücksichtigt werden ausschließlich Kommentare mit gültiger E-Mail-Adresse. Wer partout nicht öffentlich bieten möchte, hat die Möglichkeit, sein Gebot unter der Angabe des vollen Namens an mail(at)toomeh.de zu schicken. Ich poste das Gebot dann unter meinem Namen in den Kommentaren. Dabei kann es allerdings zu zeitlichen Verzögerungen kommen. Das heißt: Ich poste das Gebot nur dann, wenn es nicht mittlerweile bereits in den Kommentaren überboten wurde.

Die Auktion endet um 12.00 Uhr am Mittwoch, 26. März 2o14. Es werden alle Gebote berücksichtigt, die bis einschließlich 12.00 Uhr gepostet werden. Alle Kommentare, die ab 12.01 Uhr gepostet werden, werden nicht mehr berücksichtigt.

Nach dem Ende der Auktion erhält der Meistbietenden Janas Kontaktdaten, sodass Bezahlung und Versand/Abholung zeitnah in die Wege geleitet werden können. Der Betrag wird an Jana überwiesen und anschließend von uns an VIER PFOTEN übergeben.

Und jetzt: fröhliches Bieten!

Eugen Litwinow:
Mein Name ist Eugen

- - metamaedchen

Eugen Litwinow ist ein junger Fotograf, der einst Evgenij hieß. Bis er aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kam und sein Name gleich miteingebürgert wurde. Weil die Integration so leichter falle. Aha. Wirklich?

Ich weiß, wie es ist, in Deutschland mit einem ausländischen Namen aufzuwachsen. Ich weiß, welche Fragen man sich stellt. Zum Beispiel: Bekommt die Wohnung ein anderer, weil er keinen so seltsamen Namen trägt? Macht es einen besseren Eindruck, wenn ich meinen deutschen Zweitnamen mit auf die Visitenkarten drucken lasse? Kann ich meinen Namen nicht einfach ablegen, um ein bisschen mehr dazu zugehören? Letzteres habe ich mit 17 versucht. Und bin kläglich daran gescheitert. Weil meine deutschen Freunde meinen Namen mochten. Wahrscheinlich schon alleine, weil man ihn viel besser verballhornen konnte als Julia. Auf Schwäbisch: “Aschdadde”. In der schwäbisch-pubertären Version: “Arschtorte”. In der französisch-exklusiven Variante: “Astart!”. Und die liebevolle Kurzform “Asti” wurde irgendwann zu der noch viel liebevolleren Kurzform “Assi”. Den Wechsel von der Schule auf die Uni nutzte ich, um das rückgängig zu machen. Heute heiße ich Asti. Wahlweise mit den Namenszusätzen Cinzano oder Spumante. Achso, das Original ist übrigens: Astarte. Er wird genauso ausgesprochen, wie er geschrieben wird. Dachte ich zumindest, bis ich das erste Mal meine Verwandten in Syrien besuchte. Denn da hieß ich dann plötzlich “Aschdaruud”. Aha. Wirklich? Ja. Wirklich.

“Aschadaruud” war eine altsemitische Göttin. Die große Göttin der Liebe – quasi die altsemitische Variante der Venus. Zu meinen Ehren wurden Orgien gefeiert. Schön. Weshalb ich irgendwann zu einem männlichen Dämon namens Astaroth wurde. Auch schön.

Die Geschichte hinter meinem Namen ist aber auch der Grund dafür, dass die Sache ein wenig anders liegt als bei Eugen Litwinow. Astarte ist die griechische Bezeichnung für “Aschdaruud”. Es handelt sich also um ein- und denselben Namen. Und den trage ich schon mein ganzes Leben.

Mein Name erzählt eine Geschichte. Und er hat schon vor meiner Geburt für Aufregung gesorgt, denn meine Mutter wollte mir einen deutschen ersten Namen geben. Heute ist sie froh, dass sie sich nicht durchsetzen konnte. Mittlerweile bin ich es auch. Mein Name ist relativ einzigartig und ich drehe nicht mit drei anderen den Kopf, wenn nach einer Julia gerufen wird. Und vor allem ist er so ziemlich das Einzige, was mich mit meinen arabischen Wurzeln verbindet.

Unsere Namen gehören zu uns und sie prägen uns. Eugen Litwinows Vater hat Eugen irgendwann erzählt, dass der Namenswechsel seinen Charakter entscheidend beeinflusst habe. Weshalb Eugen sich heute die Frage stellt, ob Evgenij ein anderer Mensch geworden wäre als Eugen es heute ist. Genauso wie ich mir immer wieder die Frage gestellt habe, ob ich heute eine andere wäre, wenn ich wie meine Brüder einen deutschen ersten Namen tragen würde. Ich glaube: ja. Und deswegen finde ich Eugens Projekt sehr spannend. Für das Buch “Mein Name ist Eugen” hat Litwinow dreizehn junge Russlanddeutsche zusammengetrommelt, denen es genauso erging wie ihm: Aus jedem von ihnen wurde mit der Einreise nach Deutschland ein Eugen.

Für mich ein unglaubliches Vorgehen. Wenn nicht sogar ein unglaubliches Vergehen. Denn der Verlust der Heimat ist ein Stück weit immer der Verlust der eigenen Identität. Wie groß der Identitätsverlust ist, wenn einem dann noch der eigene Name genommen wird, will ich mir gar nicht vorstellen. Aber eines ist es ganz sicher nicht: förderlich für die Integration.

So und jetzt entschuldigt mich, ich muss ein Buch bestellen.

Die Deutschen
und ihr Frust

- - metamaedchen

“Das Phänomen “gefrustetes Volk teilt sentimentales Video”.” Dieser Satz fiel gestern in einer Facebook-Diskussion rund um die Viralität des Videos “First Kiss” von Tatia Pilieva, initiiert von der Modemarke WrenStudios. Und er fiel in Bezug auf Julia Engelmanns Hörsaal-Slam “One Day, Baby”, auch wenn es der Verfasserin explizit darum ging, Julia Engelmann eben nicht Synonym mit oben genanntem Phänomen zu setzen. Was aber gleichzeitig impliziert, dass es dieses Phänomen gibt und Julia Engelmanns Erfolg Teil dieses Phänomens ist. Wenn ich ehrlich bin, dachte ich damals genau dasselbe. Ich war genervt. Erstens weil ich keine Hypes mag. Weil ich sie meistens selbst nicht nachvollziehen kann. Weil sie Erwartungen erzeugen, denen das Stück Kunst/Film/Literatur/whatever dahinter so gut wie nie gerecht werden kann. Und weil gefühlt das ganze Volk in eine Richtung rennt, ohne sie zu hinterfragen oder sich tiefergehend damit auseinanderzusetzen. Ich wollte damals sogar darüber bloggen. Ich war der Ansicht, dass das Teilen des Videos eher als Ersatzhandlung dafür diente, das eigene Leben und die eigenen Überzeugungen wirklich in Frage zu stellen und augenscheinlich notwendige Veränderungen tatsächlich in die Wege zu leiten. Ich wollte Fragen aufwerfen. Ich fragte mich, ob die 30 – 40jährigen heutzutage wirklich keine anderen Sorgen hatten als wachzubleiben “bis die Wolken wieder lila sind”. Ob dieses “Wir müssen verrückter werden und uns mehr (zu)trauen” nicht nur den Blick darauf verdeckte, dass wir keine wirklichen Ideale mehr besitzen. Ich wollte das Podcast-Interview mit Julia Friedrichs vom SR2 daneben stellen, deren “neues” Buch sich mit genau dieser Fragestellung beschäftigt: Haben wir keine Ideale mehr und wenn ja, warum nicht und wie lässt sich das ändern?

Der halbe Blogartikel schlummerte bereits in meinem MacBook vor sich hin, als ich mich mit einer Freundin traf. Sie erzählte mir, dass ihr Vater sie ganz aufgeregt und begeistert angerufen hatte, um ihr von Julia Engelmanns Hörsaal-Slam zu erzählen. Dass ihre Worte ihn berührt und zum Nachdenken gebracht hätten. Darüber, ob man nicht doch manchmal einfach den Mut haben muss, bestehende Strukturen zu hinterfragen und aus starren Lebensentwürfen auszubrechen. Julia hatte einen Menschen erreicht, der sein ganzes Leben für seine Ideale gekämpft und sich für die Schwächsten der Gesellschaft eingesetzt hatte. Der sich weigerte, Menschen aufzugeben, selbst wenn ihnen anscheinend nicht mehr zu helfen war. Einen Menschen, der mit ganz anderen Werten und Überzeugungen und mit einer ganz anderen Definition von (emotionaler) Freiheit aufgewachsen ist als unsere Generation. Und selbst die tut sich mit dem Ablegen der Masken und dem Bekenntnis zu- und füreinander – wofür Julia Engelmann nämlich auch wirbt – noch schwer genug. Wenn wir mal ehrlich sind, hat Julia Engelmann damit sehr viel mehr erreicht als einer von uns. Selbst wenn nur 5 von den über 5 Millionen, die das Video alleine auf youtube.com gesehen haben, Konsequenzen für ihr eigenes Leben ziehen.

Ich gehörte zu denen, die gestern das “First Kiss”-Video geteilt haben. Dabei gehöre ich – ganz offensichtlich – zu den “Bedeutungsjunkies”. Ich konsumiere gerne (und fast ausschließlich) Dinge, die mich persönlich weiterbringen und zum Nachdenken anregen. Ein Bekannter kommentierte meine Kindle-Bibliothek neulich mit den Worten: “Und das liest du freiwillig?” Ja. Ich lese gerne Philosophisches und Psychologisches und viele der großen Meister. Aber weder Peter Bieri noch Freud noch Thomas Mann haben es je geschafft, mich einen ganzen Morgen lang zum Grinsen zu bringen und mir das “Frisch verliebt”-Gefühl zurückzugeben. Ich habe es geteilt, weil ich genau das Gegenteil von Frustration verspüre. Weil ich glücklich verliebt bin. Seit Monaten. Weil mich das Video an den ersten Kuss mit meinem Freund erinnert hat und ich mich seitdem noch mehr darauf freue, ihn am Freitag wieder in den Arm nehmen zu können. Weil ich dieses Gefühl mit meinen Freunden teilen wollte. Und offensichtlich habe ich zumindest sieben davon auch zum Grinsen gebracht. Zumindest interpretiere ich so ihre Likes. Vielleicht sollten wir aufhören, hinter jedem Klick die große Bedeutung und die große Kunst zu suchen, das, was uns weiterbringt. Aber vor allem sollten wir damit aufhören, andere für ihr Tun voreilig zu verurteilen, nur weil etwas nicht mit unserem eigenen Anspruch übereinstimmt.

Ja, ich glaube, dass mein Volk oft ein ganz schön frustriertes Volk ist. Aber ich glaube auch, dass genau das einen großen Teil davon ausmacht. Dass wir keinen kleinen Schritt (und sei es nur das Teilen eines Videos) machen können, ohne dass sich wenigstens einer findet, der uns dafür be- und verurteilt oder zumindest in eine Schublade steckt. Und wenn wir selbst zu denjenigen gehören, die gerne (Pauschal)Urteile fällen, sollten wir uns fragen, ob wir Teil dieses Frustapparates sein wollen. Ich habe mir damals diese Frage gestellt und sie mit “nein” beantwortet.

Ich habe mich entschieden, die Viralität dieser sentimentalen Videos als Indiz für den Wunsch nach mehr Emotionalität zu sehen. Und warum sollten wir dieser Sehnsucht nicht Ausdruck verleihen dürfen. Im besten Fall setzt das einen Prozess in Gang, der irgendwann dazu führt, dass wir bereit sind, die Masken abzulegen. Wenn ein gutgemachtes Werbevideo seinen Teil dazu beiträgt, soll es mir recht sein. Man kann es als gefährlich ansehen, dass wir nicht mehr zwischen Werbung und echten Inhalten unterscheiden können. Man kann es aber auch als gefährlich ansehen, dass wir jedes Mal ein Fass aufmachen, wenn ein harmloses Marketingvideo viral geht. Denn dann hört wahrscheinlich keiner mehr zu, wenn wir auf wirklich gefährliche Themen (versteckte Rechtspropaganda, subtiler Rassismus u. ä.) in banal erscheinenden Videos aufmerksam machen wollen.

Frank Berzbach:
Die Kunst ein kreatives Leben zu führen

- - metamaedchen

Frank Berzbach hat ein Buch geschrieben. Ein Buch mit einem großen Titel. Mit einem Titel, der dazu verleitet, es links liegen zu lassen. Mit einem Titel, der nach Volkshochschul-Malkurs klingt. Nach Freundschaftsbändchen knüpfen. Nach Perlenauffädeln und Seidenmalerei. Kurz: Nach “Latte Macchiato”-Mutti mit Langeweile. Aber die Aufmachung sagt etwas anderes. Und die Rezensionen auch. Sie sagen, da hätte jemand den Kreativen von heute was zu sagen und das würde er ziemlich gut machen. Also wollte ich zuhören.

Berzbach

Ich habe sogar ziemlich genau hingehört, aber er hat erstmal ziemlich lang einfach gar nichts gesagt. Oder jedenfalls nicht viel. Und wenn dann doch etwas gesagt wurde, kam es meistens aus der Feder eines anderen. Ein bisschen war es, als hätte er Anlauf genommen oder Luft geholt für die zweite Hälfte. Denn für die haben sich die 29.90 Euro dann doch gelohnt. In einem Satz zusammengefasst geht es darum, dass man sich mit alten Ängsten und Konflikten auseinandersetzen und dadurch mit sich ins Reine kommen muss, wenn man über einen langen Zeitraum auf hohem Niveau kreative Leistung erbringen möchte. Auch das ist nicht zwingend etwas Neues, wenn man sich mit Achtsamkeit schon ab und an beschäftigt hat. Aber ich finde, dass Frank Berzbach in “Die Kunst ein kreatives Leben zu führen” eine große Leistung vollbringt. Er befreit die Achtsamkeitslehre genau von dem, was ich ihm am Anfang aufgrund seines Titels unterstellt habe: Er holt sie aus der Esoterik-Schublade. Dadurch führt er Menschen an das Thema heran, die sonst einen großen Bogen drum herum gemacht hätten. Davor ziehe ich meinen Hut.

Mir hat es Lust auf guten Tee gemacht. Und darauf, mich tiefer ins Thema zu lesen. Ich habe angefangen, mich durch die Literaturliste zu wühlen und bin dabei auf Peter Bieri gestoßen. Ohne zu wissen, dass ich vor Jahren mal eines seiner Bücher (bzw. seines Pseudonyms Pascal Mercier) angefangen und es nie zu Ende gelesen habe. Aber mit seiner Vorlesungsreihe zur Selbstbestimmung, veröffentlicht unter dem Titel “Wie wollen wir leben”, hat er mich dann doch noch gekriegt. Deswegen kommt jetzt auch das, was ich zu sagen habe, aus der Feder eines anderen:

“Ich würde gerne in einer Kultur leben, in der Selbstbestimmung, wie ich sie beschrieben habe, ernster genommen würde, als sie es in unserer Gesellschaft tatsächlich wird. Zwar gelten das Handeln aus Gründen und die Freiheit der Entscheidung als hohe Güter. Doch wenn es um die komplexeren Formen der Selbstbestimmung geht, sieht es anders aus. Kritischer Abstand zu sich selbst, das Ausbilden differenzierter Selbstbilder und der schwierige, nie abgeschlossene Prozess ihrer Fortschreibung sind Revision, wachsende Selbsterkenntnis, die Aneignung des eigenen Denkens, Fühlens und Erinnerns; das wache Durchschauen und Abwehren von Manipulationen, wie unauffällig auch immer; die Suche nach der eigenen Stimme. All das ist nicht so gegenwärtig und selbstverständlich, wie es sein sollte. Zu laut ist die Rhetorik von Erfolg und Misserfolg, von Sieg und Niederlage, von Wettbewerb und Ranglisten – und das auch dort, wo sie nichts zu suchen hat. Die Kultur, wie ich sie mir wünschte, wäre eine leisere Kultur, eine Kultur der Stille, in der die Dinge so eingerichtet wären, dass jedem geholfen würde, zu seiner eigenen Stimme zu finden. Nichts würde mehr zählen als das, alles andere müsste warten. Unnötig zu sagen: die Utopie eines Phantasten, eine phantastische Utopie.”

#insidemuc – Part 2:
Auf der Suche nach Gisbert zu Mynchhausen

- - metamaedchen

Einer der angesagtesten Hamburger Clubs. Ein alter zerfledderter Ledersessel. Vor mir eine Stimme auf einem Barhocker, begleitet von einer einsamen Gitarre. Ich locke sie in ein altes Einmachglas, verschließe den Deckel luftdicht und stecke sie in die Tasche. Ich nehme sie mit. An den Elbstrand, zum Ohlsdorfer Friedhof, an die Ostseeküste. Sie tröstet, sie wärmt, sie versteht, wenn es nichts mehr zu verstehen gibt, sie gibt ein Zuhause in einer fremden Stadt. Ich habe sie nur geborgt, vorübergehend, für schwere Zeiten. Irgendwann gebe ich sie zurück. Morgen sitzt sie mit einem anderen Menschen am Elbstrand und verleiht den Kränen etwas Melancholisches. Auch wenn sie mit Gisbert zu Knyphausen schon vor einiger Zeit nach Berlin gezogen ist.

Aber Berlin ist nicht München. Ich packe mein Einmachglas in den Koffer und warte auf diesen einen Abend. An dem ich es nur in die Luft halten muss, um eine neue Stimme einzufangen. Eine, die mich begleitet. Eine, die neben mir sitzt, wenn ich zum ersten Mal auf einer Picknickdecke im Englischen Garten fröstele. Und die manchmal sogar dem Hofbräuhaus etwas Melancholisches verleiht.

(Habt ihr eine Idee, wo ich suchen muss?)

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