Der Berg, mein Freund

- - Seelenmädchen

Wir sitzen zusammen, der Berg und ich, bis nur der Berg bleibt. (Li Po, aus: Jon Kabat-Zinn – “Im Alltag Ruhe finden”)

Die Berge. Früher hatte ich sie direkt vor der Haustür und wusste sie nicht zu schätzen. Wie sehr ich sie vermisst habe, wurde mir erst klar, als ich vor wenigen Wochen zum ersten Mal in Tegernsee aus dem Zug gestiegen bin und mein Herz bei ihrem Anblick in leise Jubelschreie ausbrach. Damals habe ich die Kolosse nur von einem gemütlichen Plätzchen am See aus angeschmachtet, heute bin ich ihnen ganz nahe gekommen. Oder zumindest einem von ihnen, einem der kleineren: dem Hirschberg. Die untrainierten Beinchen ächzten, aber das Herz jubelte munter weiter.

Hirschberg 2

“Nun “sitzt” der Berg, wie Sie wohl wissen, den ganzen Tag über einfach da, während die Sonne über den Himmel wandert. Licht und Schatten und Farben verändern sich von Augenblick zu Augenblick in der unnachgiebigen Stille des Berges. Der Berg bleibt still, während die Jahreszeiten ineinander übergehen und das Wetter sich Augenblick für Augenblick und Tag für Tag ändert. Stille, die alle Veränderung überdauert.” (aus: Jon Kabat-Zinn – “Im Alltag Ruhe finden”)

Ich mag die Berge. Die ganze Szenerie rund um den Tegernsee strahlt eine unglaubliche Ruhe und Kraft aus. Da muss man nicht erst Jon Kabat-Zinn gelesen zu haben, um sich ein bisschen Gelassenheit von ihnen abzugucken. Kabat-Zinn geht einen Schritt weiter und schlägt vor, das Bild des Berges in die tägliche Meditationspraxis zu integrieren. Auch im Yoga gibt es eine Haltung, die sich der Berg nennt. Kommt der Berg ins Spiel, geht es immer um die eigene Standfestigkeit und Standhaftigkeit. Es geht darum, das Leben und die Herausforderungen des Daseins anzunehmen, ohne in den eigenen Grundfesten erschüttert zu werden. Das gelingt mir mittlerweile ziemlich gut. Was ich von einer täglichen (oder überhaupt einer regelmäßigen) Meditationspraxis nicht gerade behaupten kann. Noch nicht. Im September könnte sich das ändern. Aber das hat einen eigenen Blogpost verdient.

Komm, wir bauen
ein Baumhaus

- - Kreativmädchen

“Manchmal will ich von dieser Zivilisation nichts mehr wissen, manchmal wünschte ich, ich wüsste nichts vom Fortschritt, sondern glaubte nur ans Pferd. Seltsam, wie sich Wissen über Jahrhunderte verändert hat. Schließlich weiß ich, wie ich durch Try and Error ein elektronisches Gerät bediene, aber ich könnte nicht sagen, wie man ein Haus baut. Ich lege das Kochmesser zur Seite und tippe ins Internet ein: “Wie baue ich ein Haus?” Da kommen erst Anzeigen mit dem Lockruf “niedrige Preise” und natürlich der “Finanz-Ratgeber zum Hausbau: Hypothek und Eigenheim – wie Sie von beidem profitieren.” (aus: Louise Jacobs – “Fräulein Jacobs funktioniert nicht”)

Neulich saßen wir zusammen auf dem Sofa und ich fragte den Mann völlig unvermittelt: “Du kennst nicht zufällig jemanden mit einem Stück Wald?” Die überraschende Antwort: “Doch. Meine Schwägerin. Aber bitte was willst du mit einem Stück Wald?” “Ich will ein Baumhaus bauen. Frag sie mal, ob wir das dürfen.” “Okay, und was machen wir dann mit dem Baumhaus?” “Nichts. Ich will es einfach nur bauen.”

Seit einigen Wochen treibt mich der Wunsch um, mit Hammer, Nägeln und ein paar Brettern auf eine Waldlichtung zu ziehen und dort ein kleines Häuschen zu zimmern. So wie wir es als Kinder getan haben. Damals gab es die Ferienstadt, zu der Eltern ihre Kinder anmelden konnten, wenn sie in den Sommerferien einfach mal eine Woche ihre Ruhe haben wollten. Jeden Morgen wurde eine lärmende Horde energiegeladener kleiner Menschen in einem Bus auf einen Berg gekarrt, auf einer großen Waldlichtung ausgespuckt und abends wurden müde, zarte Lämmchen wieder zuhause abgeliefert. Besser geht’s nicht.

In der Zeit dazwischen hämmerten, sägten, bastelten und bluteten wir. Wir entwarfen Baupläne und bewarfen uns mit Schlamm und Matsch. Wir schlugen Pfähle in den Boden und ab und zu mit dem Hammer auf den Finger. Wir hatten Spaß. Dass danach keiner in diesen kleinen, windschiefen Häuschen wohnte, war Nebensache. Wir hatten von null auf etwas mit unseren eigenen kleinen Händen erschaffen. Darum ging es und das war ein großartiges Gefühl.

Keine Ahnung, warum ich dieses Gefühl gerade jetzt so vermisse. Wahrscheinlich waren die letzten Wochen und Monate zu kopflastig. Ständig wollte irgendetwas geplant und durchdacht werden. Ständig wollten Probleme analysiert und Lösungswege erarbeitet werden. Dazu ein Job, der zu 90% aus Denken besteht. Und fertig ist der Wunsch, sich mal wieder die Hände schmutzig zu machen und die Hosen an halbeingeschlagenen Nägeln aufzureißen.

Die Schwägerin ist noch nicht gefragt, der Wunsch fast schon wieder verworfen, da erzählt dir Louise Jacobs eines Abends im Bett davon, wie man ein Haus baut. Und zack, steht mein kleines 8-jähriges Ich wieder vor mir, zerrt an meinen Händen und sagt: “Jetzt komm endlich, lass uns ein Baumhaus bauen.” Wo ist der nächste Baumarkt? Ich brauche große Nägel und eine Säge. Den Hammer habe ich schon.

“Ich finde die Antwort schließlich nicht im Internet, sondern in meinem Auswandererführer und stelle fest: Hausbauen wurde um 1900 als ein leichtes Unterfangen geschildert. Mit Hilfe der Nachbarn schlägt man sich im Wald die erforderlichen Stämme. Schleppt diese zusammen und haut sie entsprechend zu. Je nachdem, wie die eigenen Ansprüche sind, kann man sich dann einen Schuppen oder eine Blockhütte bauen. [...] Baut man einen Schuppen, muss man die Stämme erst mal entrinden und auf die erforderliche Länge absägen. Ist dies getan, müssen die Stämme an beiden Enden zugehauen und eingekerbt werden. Mit Steinen, die man aus der Umgebung heranschleppt, wird das Fundament gelegt.” (aus: Louise Jacobs – “Fräulein Jacobs funktioniert nicht”)

Fräulein Jacobs funktioniert nicht. Oder doch?

- - Büchermädchen

Als ich diese Woche in den digitalen Bücherregalen von lovelybooks.de stöberte, fiel mir „Fräulein Jacobs funktioniert nicht“ in die Hände. Ich mochte Titel und Untertitel („Als ich aufhörte, gut zu sein“), der kurze Klappentext hingegen sorgte dafür, dass ich meine Erwartungen nicht zu hoch hängte. Immer eine gute Voraussetzung für positive Überraschungen.

Im Gegensatz zu Katrin Bauerfeinds Buch „Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag“, das ich zuvor gelesen und dessen Ende ich aus reinem Trotz erreicht habe („Das kann doch nicht wirklich so schlecht sein, da muss doch irgendwann noch irgendwas kommen!“), möchte ich das Buch von Fräulein Jacobs am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen. Ich mag ihre Art der Selbstreflexion – ehrlich, schlicht und ohne großes Selbstmitleid. Ich mag sie als Person, sie ist quasi ein Munge – halb Mädchen, halb Junge. Man erkennt sich als Frau darin jedenfalls sehr schnell wieder, wenn man mit zwei Brüdern und zwei besten männlichen Freunden aufgewachsen ist. Auch wenn ich nie einer werden wollte, kann ich sogar ihren Wunsch, Cowboy zu werden, gut nachvollziehen. Dennoch beinhaltet mir das Buch manchmal ein bisschen zu viel Cowboy-Romantik, vor allem weil die Kapitel einen immer wieder aus ihrer Innenperspektive reißen. Vielleicht ist das sogar der Sinn der Sache, um die schwere Kost zwischendurch ein bisschen aufzulockern, aber es ist nicht so ganz meins. Was nicht heißt, dass ich mich nicht ab und zu darin verlieren kann.

Ich habe gelesen, dass Louise Jacobs heute als Schriftstellerin in Berlin lebt. Cowboy geworden ist sie also nicht. Zumindest nicht Vollzeit-Cowboy. Dementsprechend gespannt bin ich, inwiefern sie ihren Jugendtraum heute lebt und wie sie ihn in ihr Leben integriert hat. Schon nach rund 50% (Kindle-Zeitalter) kann ich auf jeden Fall guten Gewissens behaupten, dass hier eine interessante Persönlichkeit von ihrer nicht minder interessanten Lebensgeschichte erzählt. Für mich funktioniert Fräulein Jacobs also ziemlich gut. Und schreiben kann sie auch.

Der hechelnde Hund –
zurück zu meinen Yoga-Wurzeln.

- - Seelenmädchen

Ich habe beim Bikram-Yoga eine kleine Kaulquappen-Familien in dem Schweißteich, der sich rund um meine Matte bildete, kultiviert. Ich habe beim Poweryoga den stehenden Hund erfunden: dumm rumstehen, die Hände in die Hüften stützen und hecheln, was das Zeug hält. Dabei war alles, was ich wollte, ein kleines bisschen VHS-Yoga. So wie damals, vor zehn Jahren: Ich, meine Freundin und fünf kleine rundliche Hausfrauen, die beim Yoga Nitra gerne mal eingeschlafen sind und die sanfte Stimme des Yoga-Lehrers mit ihrem leisen Schnarchen untermalt haben. Perfekt. Entspannung pur. Hatha-Yoga ohne jeden Schnickschnack. In Hamburg suchte ich in meinen Stadtteilen relativ lange relativ vergebens danach. Wer will sich denn auch im hippen Hamburg nachsagen lassen, man praktiziere nur ödes, einfaches Hatha-Yoga? Kann ja jeder.

Nun sitze ich seit einigen Wochen ja nicht mehr im hippen Hamburg, sondern “nur noch” im semi-hippen München. Und wenn ich aus meinem semi-hippen Altbau in meinen semi-hippen Hinterhof blicke, fällt mein Blick geradewegs auf ein hübsches kleines Wellness-Häuschen. In diesem hübschen kleinen Wellness-Häuschen werden tagsüber entspannende Massagen jeder Art (aber ohne Happy End!) angeboten. Und abends unterrichtet eine hübsche kleine Brasilianerin dort Ashtanga-Yoga. Ashtanga-Yoga zählt laut Wikipedia zu den “wichtigsten und ausgefeiltesten, aber auch schwierigsten Systemen des Hatha-Yoga”. Oder wie ich es ausdrücken würde: Ich schwitze immer noch kleine Kaulquappen-Seen, hechle immer noch wie ein Mops im Dackel-Galopp, aber ich habe endlich wieder zu meinem geliebten Hatha-Yoga gefunden.

Unsere Lehrerin fordert, aber sie versucht nicht, lauter kleine Ursula Karvens und Barbara Beckers heranzuzüchten. Sie korrigiert, zwingt uns aber nicht in Positionen, aus denen wir uns selber nicht mehr befreien können. Sie ist mit Leidenschaft und Energie dabei, ohne missionarischen Eifer an den Tag zu legen. Und hinterher versorgt sie uns mit heißem Tee und vielen guten Tipps, die das Leben ganz einfach ein bisschen schöner machen. Ich habe mich vom ersten Moment an wohl und vor allem gut aufgehoben gefühlt. Oder um es mit Goethes Worten zu sagen: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein. Und wenn man eine Yoga-Lehrerin gefunden hat, die das erreicht, sollte man ihr so schnell nicht mehr von der Seite weichen. Vielleicht komme ich dann auch endlich einmal über den hechelnden Hund hinaus.

School of Doodle:
“Learning Lab” für Kreativität

- - Kreativmädchen

Notiz an mich: Ideen schneller umsetzen. Sonst macht sie ein anderer. Molly und Elise zum Beispiel. Die beiden haben auf Kickstarter jetzt ein ziemlich tolles Projekt gestartet: Sie wollen eine digitale Schule für Kreativität aufbauen, die „School of Doodle“. „A peer-to-peer, self-directed learning lab dedicated to activating girls‘ imaginations through entertainment, education and community.“

Die „School of Doodle“ richtet sich ausschließlich an Mädels, was ich etwas schade finde. Ich kann dieses Gender-Theater nur bedingt nachvollziehen. Aber gut. Den Schülerinnen stehen viele bekannte (und weniger bekannte) Mentoren zur Seite – von Marina Abramovic bis Salman Rushdie. Diese Mentoren leiten in Lernvideos dazu an, die eigenen kreativen Fähigkeiten auf bestimmten Gebieten zu entwickeln und zu vertiefen. Anstelle von Noten soll es Doodle Dollars geben, die dann gegen kreativitätsfördernde „Belohnungen“, zum Beispiel Kameras oder Ausflüge, eingetauscht werden können. Und das Beste: Das Ganze ist für die jungen Damen kostenlos.

Aber irgendwie muss die „School of Doodle“ ja finanziert werden. Aktuell sind auf Kickstarter rund 50.000 US Dollar der angestrebten 75.000 US Dollar zusammengekommen. Wer das Projekt finanziell unterstützen möchte, kann sich Doodles („Kritzeleien“) der bekannten Unterstützer als Dankeschön sichern.

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