Irvin D. Yalom:
Anleitung zum Glücklichsein

„Menschen schämen sich für ihre Schwächen. Sie haben Angst davor, verletzt und ausgeschlossen zu werden, wenn Sie zu viel von sich preisgeben von sich. Aber in der Therapie lernen sie: Alle Menschen haben dieselben Ängste. Da unterscheiden sie sich nicht sehr. Und das ist dann immer so ein Aha-Erlebnis – willkommen in der Menschheit.“

Selbstoffenbarung ist eines der großen Themen von Irvin D. Yalom. Nicht nur Selbstoffenbarung seitens des Patienten/Klienten, sondern auch Selbstoffenbarung seitens des Therapeuten. Ich lese gerade „Der Panama-Hut oder Was einen guten Therapeuten ausmacht“ und obwohl ich (bisher) keine psychotherapeutische Ausbildung absolviert habe, liegen wir in ziemlich vielen Punkten ziemlich genau auf einer Wellenlänge. Auch im Alltag macht es aus meiner Sicht Sinn, mit vermeintlichen Schwächen oder Fehlern ehrlich und manchmal sogar offensiv umzugehen. Das erzeugt Authentizität und damit Vertrauen beim Gegenüber. Und oft genug stellt sich dabei heraus, dass die vermeintliche Schwäche eher als verbindendes Glied fungiert und/oder von anderen Menschen gar nicht als Schwäche wahrgenommen oder eingeordnet wird. Im Allgemeinen bieten „Schwachpunkte“ Identifikationspotential, während (vorgetäuschte) Perfektion tendenziell abschreckend wirkt. Das aber nur als kleines Plädoyer für mehr Selbstoffenbarung am Rande. Eigentlich wollte ich nur sagen: Heyho, eine Dokumentation über Irvin D. Yalom (Autor von „Und Nietzsche weinte“ und „Die rote Couch“) läuft zurzeit im Kino, unter dem Titel „Anleitung zum Glücklichsein“. Ich hab sie noch nicht gesehen, aber ich mag den Trailer und ich finde, ihr solltet euch den Film anschauen. (Und mir im Anschluss erzählen, wie ihr ihn fandet und was ihr daraus gelernt habt, für den Fall, dass ich es selbst nicht schaffe …)

Die Macht der Stille

- - Seelenmädchen

Ich kam, sah und schwieg. Ich machte Yoga-Übungen und schwieg. Ich meditierte und schwieg. Ich aß und schwieg. Ich saß und schwieg. Ich ging und schwieg. Und während ich schwieg, vergingen die Stunden. Insgesamt sechs.

Der “Tag der Stille” ist Teil meines MBSR-Kurses. Schweigen, um noch ein bisschen mehr im eigenen Körper anzukommen. Schweigen, um der Achtsamkeit noch mehr Raum zu schenken. Schweigen, ohne irgendetwas erreichen zu wollen. Schweigen, um zu sein und zu beobachten. Was passiert da in mir drin? Regt sich Widerstand gegen dieses ungewohnte Schweigen? Will ich ausbrechen aus dem Kreis der Schweigenden? Klopfen Gefühle an, denen ich viel zu lange viel zu wenig Beachtung geschenkt habe? Oder fühle ich mich befreit von all dem Müssen, Wollen und Sollen? Wie oft gehen die Gedanken auf Wanderschaft und was ist ihr Ziel? Wie gut gelingt es mir, im Hier-und-Jetzt zu sein? Zu sitzen, um des Sitzens willen. Zu gehen, um des Gehens willen. Die Vergangenheit Vergangenheit und die Zukunft Zukunft sein zu lassen?

Der “Tag der Stille” war nicht ganz still. Unsere Trainerin gab Anleitungen zu verschiedenen Übungen. Yoga, Meditation, Achtsamkeit. Manche kannten wir bereits, andere nicht. Durch die Konzentration auf die verschiedenen “Aufgaben” fiel das Schweigen nicht sonderlich schwer. Die einzige wirklich seltsam anmutende Situation ergab sich während des Essens. Man sitzt mit vier anderen Personen am Tisch und es fällt kein Wort. Kein Bitte, kein Danke, kein Entschuldigung. Dabei ist das gemeinsame Essen im Alltag ein Ort der Geselligkeit und des Austausches. So zumindest haben wir es gelernt. Vielleicht mit ein Grund dafür, dass viele von uns nicht aufhören zu essen, wenn sie satt sind. Jedenfalls merkt man schweigend deutlich schneller, wenn der Magen sagt: “Passt schon, reicht. Mehr brauch ich nicht.”

Das einzige “Wort”, das mir während der ganzen sechs Stunden herausrutschte, war ein “Ups.”, als mir das Besteck viel zu laut ins Waschbecken knallte. Auch lustig: Das Schweigen beeinflusst jedes andere Verhalten. Jeder versuchte, den Löffel möglichst geräuschlos abzulegen und das Glas möglichst leise auf den Tisch zurückzustellen, um die anderen nicht in ihrer Ruhe zu stören.

Mein Fazit: Schweigen ist dann anstrengend, wenn es mit unseren Konventionen kollidiert. Und wenn wir glauben, unser komplettes Verhalten danach ausrichten zu müssen. Ansonsten kann es sehr wohltuend und heilsam sein. Auf jeden Fall war es eine Erfahrung, die ich wahrscheinlich auch irgendwann wiederholen werde. Dann vielleicht für sechs Tage, nicht nur für sechs Stunden.

Stille

Charlotte Link –
Sechs Jahre

- - Seelenmädchen

“Sechs Jahre: Der Abschied von meiner Schwester” von Charlotte Link ist eines dieser Bücher, über die man am liebsten gar nichts schreiben würde. Weil die Anstandsalarmglocke anfängt, laut zu schrillen, sobald man darüber nachdenkt. Über ein Buch, das so ein sensibles Thema so offen behandelt, gibt es nichts zu urteilen. Andererseits beurteile ich Bücher ja ohnehin höchst selten nach formalen Kriterien, sondern im Normalfall danach, was sie in mir persönlich bewegt haben. Oder eben nicht.

Die Bücher, die es geschafft haben, mir die Tränen in die Augen zu treiben, konnte ich bisher an einer Hand abzählen – wenn nicht sogar an zwei Fingern. Mittlerweile brauche ich mindestens beide Hände. “Sechs Jahre” ließ mir beim Lesen immer wieder das Wasser in die Augen steigen. Das Ende habe ich im Flieger von Berlin nach Hamburg gelesen. Vollkommen übermüdet, nach einer kurzen Nacht und einem langen Drehtag. Ich saß da, auf meinem Gangplatz, und starrte immer wieder angestrengt an meinem schlafenden Sitznachbarn vorbei aus dem Fenster, um die Kontrolle über meine Tränendrüsen nicht vollständig zu verlieren.

In “Sechs Jahre” erzählt Charlotte Link von dem langsamen Tod ihrer Schwester. Ihrer Seelenverwandten. Sie erzählt von einem Kampf, den sie gemeinsam geführt und letztlich gemeinsam verloren haben. Und sie tut das so offen und so bedingungslos ehrlich, wie man es von einer Frau, die immer wieder in der Öffentlichkeit steht, eigentlich nicht erwarten würde. Dafür hat sie meinen uneingeschränkten Respekt. Warum ich trotz aller Bedenken das Buch hier nicht unerwähnt lassen möchte: Es geht Charlotte Link nicht nur darum, ihren persönlichen Schmerz zu verarbeiten und den Tod von Franziska, ihrer Schwester, als Realität akzeptieren zu können. Sie möchte auch aufklären. Über die Missstände und den Mangel an Empathie in deutschen Krankenhäusern. Und über Morbus Hodgkin und die Spätfolgen von Radiotherapien. Dazu gehört die Lungenfibrose, die Franziska letzten Endes das Leben gekostet hat.

“Dass es richtig war, dieses Buch zu schreiben, bestätigt mir die Tatsache, dass ich noch während der Entstehungsphase bereits von zwei Kliniken angesprochen und um spätere Lesungen aus dem fertigen Buch gebeten wurde. Einmal zu der Thematik des ärztlichen Umgangs mit Schwerstkranken. Und dann zu dem Problem der Spätfolgen von Radiotherapien. Ich hielt unseren Fall natürlich nicht für den einzigen seiner Art, aber doch für ziemlich speziell. Was nicht stimmt, wie ich erfuhr.”

Obwohl ich – toi toi toi – in diesem Augenblick weder persönlich noch in meinem engsten Umfeld betroffen bin und man sich zweifelsohne nie wirklichen auf eine solche Diagnose vorbereiten kann, bin ich dankbar, dass Charlotte Link dieses Buch geschrieben hat. Denn es sensibilisiert ungemein dafür, was auf einen zukommen kann. Dafür, dass man nicht jeder Diagnose und jeder medizinischen “Autoritätsperson” uneingeschränkt Glauben schenken sollte. Und dafür, dass man seinen Selbstwert als Betroffener oder als Familie auch in dieser schwierigen Situation nicht verlieren darf. Denn wenn man für die behandelnden Ärzte und Schwestern nicht mehr mehr ist, als ein Darmtumor. Oder eine Lungenfibrose. Oder ein weiterer drohender Suizid. Dann sollte man zum einen ganz schnell Klartext reden. Und zum anderen mindestens genauso schnell das Köfferchen packen. In der Hoffnung, eine Klinik zu finden, deren Mitarbeiter einen als das betrachten, was man ist – ein Mensch, der Hilfe und Zuwendung benötigt – und einen auch so behandeln.

MBSR
“Wiesn-Special” –
Das zweite Training.

- - Seelenmädchen

Es ist Dirndl-Lederhosen-Bierzelt-Zeit in München. Letztes Wochenende war die Wiesn also in vollem Gange. Abends einen Tisch in einem Bierzelt zu ergattern, gleicht bekanntermaßen einem Sechser im Lotto. Das Glück war uns diesmal wohl gesonnen: Ein Bekannter lud uns an seinen Tisch ein. An einem Freitagabend, open end, im Schottenhammel. Nun folgt auf einen Freitagabend naturgemäß ein Samstagmorgen. In diesem Fall: Ein Samstagmorgen mit MBSR. Um 8 Uhr aufstehen, um 8.55 Uhr in die Bahn hüpfen und um 10 Uhr fit, munter und gut gelaunt das Klingelknöpfchen irgendwo am Starnberger See drücken. Normalerweise. Nach einem Wiesn-Abend mit ein, zwei, drei (Radler-)Mass sah das Ganze dann eher so aus: Um 8.15 Uhr aus dem Bett kriechen, viel zu spät zum Bahnhof hetzen und ständig um die Frage kreisen “Muss ich da heut wirklich … kann ich nicht einfach zuhause … du hast dafür gezahlt. Hm, und?!” Die besten Voraussetzungen also, um in fünf entspannte Stunden rund um den Stressabbau zu starten. Die Zugfahrt nutzte ich, um irgendwo im letzten Winkel meines Körpers die letzten Ressourcen und ein bisschen Anstand zusammenzukratzen und saß dann tatsächlich einigermaßen gut gelaunt pünktlich um zehn auf meiner Yoga-Matte.

Die zweite (oder eigentlich dritte) MBSR-Einheit startete mit sanften Yoga-Übungen. Da ich mittlerweile wieder regelmäßig einmal die Woche zum Yoga gehe, kannte ich alle Übungen bereits. War aber – wie der Bayer sagt – wurschd. Kein Kopfstand, keine Brücke, kein Sonnengruß. Sprich: Die Übungen waren so einfach gehalten, dass es mir – im Gegensatz zu meiner normalen Yoga-Stunde – gelang, mich voll und ganz auf meinen Atem zu konzentrieren. Und auf meine Grenzen. Denn das war der Kern der Übung: Klar und deutlich den Punkt zu spüren, an dem die eigentlich wohltuende Übung in verkrampfte Anstrengung überging. Wann fließt der Atem nicht mehr frei? Wann fängt der Körper an zu zittern? Bis zu welchem Punkt muss ich zurückgehen, damit der Atem wieder in seinen gewohnten Rhythmus zurückfindet? Was das Ganze mit Stressabbau zu tun hat, liegt auf der Hand. Geraten wir im Alltag in Stresssituationen, passiert in der Regel genau dasselbe. Die Anspannung im Körper steigt bis wir nicht mehr entspannt atmen können. Der Körper signalisiert uns: Ey, übertreib’s nicht! Nur ignorieren wir diese Signale in vielen Situationen. Schließlich müssen wir funktionieren. Wir können ja nicht einfach aus dem Meeting rennen oder den Vortrag abbrechen, nur weil der Körper gerade mal ein bisschen zickt. Tagtäglich überschreiten wir unsere Grenzen, um eine gute Performance hinzulegen. Das kann auf Dauer nicht gutgehen. Vielleicht können wir nicht einfach aus dem Meeting rennen. Aber wir können uns hinterher ein ruhiges Plätzchen suchen, uns auf unseren Atem konzentrieren und dem Körper ein bisschen Entspannung zurückgeben.

Nach der Mittagspause machten wir uns im Stillen ein paar Notizen zu den folgenden Fragen: Welche Situationen lösen bei mir Stress aus? Und: Wie verhalte ich mich in diesen Situationen? Anschließend notierte unsere Trainerin die Antworten auf einem Flipchart. Witzigerweise stand ich mit meinen Antworten relativ alleine da: Wenn mir der Rückzugsraum fehlt. Wenn sich Situationen verändern oder neu ergeben und ich noch nicht alle Konsequenzen überblicken kann. Wenn jemand Dinge von mir verlangt, die für mich nicht den geringsten logischen Sinn ergeben. Solches Zeug.

Die Übung diente in erster Linie dazu, diese Fakten vom Unterbewusstsein ins Bewusstsein zu befördern. Im Anschluss folgte eine Sitzmeditation. Mit ihrer Hilfe sollten sich die Stressauslöser im Bewusstsein verankern und gleichzeitig sollte sie uns ermöglichen, einen inneren emotionalen Abstand zu ihnen herzustellen. Ja, diese Dinge lösen Stress in mir aus. Nein, ich lasse mich von diesem Stress nicht vereinnahmen. Der Kern der Sitzmeditation ist (zumindest für mich) gleichzeitig der Kern des ganzen MBSR-Trainings: Registrieren, wenn man durch Gedanken von der Konzentration auf den Atem abgelenkt wird und sich im gleichen Moment dafür entscheiden, die Gedanken ziehen zu lassen und die Konzentration behutsam auf den Atem zurückzulenken. Oder eben: Möglichst frühzeitig registrieren, wenn der Körper die Ausschüttung der Stresshormone hochfährt und sich quasi im gleichen Moment dafür entscheiden, sich nicht damit zu identifizieren, innerlich auf Abstand gehen, sich einigermaßen zeitnah der Situation entziehen und wieder bei sich selbst ankommen.

Wieder bei sich selbst ankommen – sowie München. Wenn morgen die letzte Mass getrunken und der letzte Böller verschossen ist. Welcome back, bayrische Gemütlichkeit.

Susanne Kreuschmer –
Lily Like Visual Art

- - Kreativmädchen

Es ist mal wieder an der Zeit, euch ein weiteres Kreativmädchen vorzustellen. Und diesmal ist es die liebe Suse. Suse, eigentlich Susanne Kreuschmer, kenne ich noch aus meiner Praktikumszeit bei TBWA\, Hamburg. Dort hat sie knapp 4 Jahre als Junior Art Director gearbeitet, Mitte 2013 ist sie weiter zu Heye & Partner gezogen. Anfang 2014 hatte sie dann das Gefühl, dass sich irgendetwas ändern müsste. Obwohl sie die “vielen, teilweise offensichtlichen Zeichen” lange Zeit einfach ignoriert hat, hat Suse dann doch noch gemerkt, was sie glücklich(er) machen würde: die Arbeit als Fotografin. Vor Kurzem hat sie ihren ganzen Mut zusammengenommen, hat Heye & Partner verlassen und sich als Fotografin (und Art Directorin) unter dem Pseudonym “Lily Like” selbstständig gemacht. Ich ziehe meinen Hut und ein paar Fragen aus dem Ärmel.

Metamädchen:

Was ich dich schon immer mal fragen wollte: Warum “Lily Like”? Wie bist du zu diesem Künstlernamen gekommen?

Suse:

Auf Lily bin ich gekommen bin, weil mein Vorname, Susanne, im hebräischen Lilie bedeutet. Die Kombination mit Like ergab sich, weil ich ein Fan von Alliterationen bin. Außerdem ist Lily Like einfacher als mein richtiger Name und daher einigermaßen rechtschreibfehlerresistent.

Metamädchen:

Ich weiß noch, dass man dich schon damals bei TBWA\ als “Geheimwaffe missbraucht” hat, wenn es um kleine, interne Fotoshootings ging. Über die Jahre hinweg konnte ich vor allem über Facebook verfolgen, wie du neben der Arbeit deine Fotografie vorangetrieben hast. Erst vor drei Monaten hast du deine eigene Facebookseite “Lily Like Visual Art” angelegt. Aktuell hast du bereits 656 Likes. Wie fühlt sich das für dich an? Hättest du gedacht, dass das so schnell geht?

Suse:

Ja, die Initiative ging damals von mir aus. Ich habe meinen Vorgesetzten immer angeboten, die Bilder zu machen, weil es mir einerseits Spaß machte und ich es andererseits für sinnvoll hielt. Lieber eine halbe Stunde fotografieren, als stundenlang in Stockarchiven wühlen oder versuchen, das Ganze in Photoshop nachzubauen. So kam ich dann auch zu dem Titel „Inhouse Photographer“. Das hat mich damals stolzer gemacht als der Junior-Titel. Ich konnte zwischen meinem Rechner und meinem kleinen Studio, das ich mir zusammen mit der Produktion aufgebaut hatte, hin und her wechseln und viel herumexperimentieren.

Die Facebookseite habe ich erstellt, als ich den Entschluss gefasst habe, mich selbstständig zu machen. Ich wollte meine Freunde nicht ständig mit meinen Bildern zuspammen. Außerdem habe ich mir erhofft, darüber neue Leute kennenzulernen, die meine Leidenschaft für die Fotografie teilen. Dass dann doch gleich so viele Leute meine Arbeit mögen, hat mich sehr überrascht. Mittlerweile habe ich dadurch schon eine Menge toller Leute kennengelernt und mit manchen plane ich sogar schon Kooperationen.

Metamädchen:

Ganz ehrlich: Wie viel Schiss hattest du vor dem Schritt in die Selbstständigkeit?

Suse:

Ehrlich gesagt, habe ich immer noch verdammt viel Schiss. Die finanzielle Sicherheit ist weg. Da ist so viel Neues, um das man sich plötzlich Gedanken machen muss. Dazu kommt, dass es natürlich gerade in Hamburg in meinem Job viel Konkurrenz gibt. Aber wenn ich es nie versuche und es immer nur vor mir herschieben, ändert das ja auch nichts. In solchen Momenten erinnere ich mich dann immer an dieses miese Gefühl, das ich noch vor gar nicht allzu langer Zeit hatte. Das ist wie ein Tritt in den Hintern und hilft sofort.

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Metamädchen:

Wie lange hast du den Schritt in die Selbstständigkeit geplant? Und wie hast du dich darauf vorbereitet?

Suse:

Ich habe natürlich versucht, ein bisschen Geld zurückzulegen. Aber so viel war es dann doch nicht. Also habe ich beschlossen, mir ein halbes Jahr zu geben, um mich auf dem Markt zu behaupten. Ich weiß aus Erfahrungsberichten anderer Freelancer, dass man eigentlich knapp ein Jahr braucht, um erste finanzielle Erfolge zu erzielen. Das kann ich mir aber leider nicht leisten. Ende Januar werde ich dann schauen, wie weit ich gekommen bin und ob es sich lohnt, weiter zu machen oder ob es nicht doch besser wäre, mir wieder eine Festanstellung zu suchen.

Metamädchen:

Wann und wie hast du mit der Fotografie begonnen?

Suse:

Eigentlich hat das im Studium angefangen. Ich hatte zwar in meiner Ausbildung bereits einen analogen Fotokurs, aber damals fand ich das noch gar nicht so interessant. Anfangs habe ich auch nur Natur und Architektur fotografiert. Im Studium habe ich dann einen weiteren Fotokurs belegt und angefangen, Menschen zu fotografieren. Ich war so um die 22 Jahre alt und hatte keinen Schimmer von Models, Visagisten und Agenturen – also mussten meine Freunde herhalten. Ich habe auch kaum Tutorials gemacht oder Bücher zum Thema gelesen. Obwohl ich sie mir zum Geburtstag gewünscht hatte, stehen sie noch heute ungelesen im Regal. Ich bin dafür einfach zu ungeduldig und will am liebsten sofort loslegen. Vieles, gerade auch was die Technik angeht, habe ich von meinem Freund gelernt. Mit ihm zusammen habe ich während des Studiums sämtliche fotografisch relevanten Orte in Lübeck unsicher gemacht.

Metamädchen:

Wie würdest du deinen Fotografie-Stil bezeichnen? Was fotografierst du am liebsten?

Suse:

Ganz klar Menschen und Mode. Erst einmal fokussiere ich mich darauf. Später will ich dann vielleicht auch mal ein paar Gehversuche Richtung Foodfotografie unternehmen. Aber Menschen und Mode liegen mir einfach und ich möchte das zunächst unbedingt weiter ausbauen. Meinen Stil würde ich als klassisch bezeichnen. Ich experimentiere gerne mit Licht und Farben und nutze zum Beispiel auch mal Kram, den ich im „Ein Euro Laden“ finde. Ich würde sehr gerne mehr in die cinematographische Fotografie rein. Ungestellt wirkende Augenblicke faszinieren mich am meisten. Aber es ist sehr schwer diese Momente einzufangen und passende Ort dafür zu finden.

Metamädchen:

Wie findest du heute deine Models? Oder müssen immer noch die Freunde herhalten?

Suse:

Nein, die wurden in dem Moment erlöst, in dem mir jemand von der Model-Kartei erzählte. Über diese Seite habe ich meine ersten Modelle kennengelernt und meine Freunde hatten erstmal Ruhe vor mir. Viele der Modelle dort machen das “nur” als Hobby und sind deshalb nicht so routiniert, aber das machen sie durch viel Ambition und Liebe wieder wett. Die Zusammenarbeit mit einem kleinen Label aus Hamburg hat mir dann zum ersten Mal die Zusammenarbeit mit einem Agenturmodel ermöglicht. Das war schon eine ganz neue Erfahrung, weil ich kaum noch Anweisungen geben musste. Für Portraits ist es mir eigentlich egal, ob Agentur oder nicht, das entscheidet dann mein Bauchgefühl. Durch eine Coachinganfrage bei Facebook habe ich die Fotografin Jessica Prautzsch kennengelernt und durfte ihr schon ein paar mal assistieren. Sie stellt gerade die Agentur LOOK OUT Management auf die Beine und vertritt dadurch auch viele Models. Mit den New Face Models der Agentur mache ich zur Zeit Sedcardshootings und habe so auch die Möglichkeit für mein eigenes Portfolio Projekte umzusetzen.

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Metamädchen:

Woher nimmst du deine Ideen? Wovon lässt du dich inspirieren?

Suse:

Hm, schwierig. Ich würde jetzt gerne antworten, dass ich mich durch Musik oder Filme inspirieren lasse. Das wäre aber nicht ganz korrekt. Sicher spielt unterschwellig eine Rolle, welche Musik beim Bearbeiten der Bilder läuft oder welchen Film man zuletzt gesehen hat. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan von „the fall“ von Tarsem Singh und von eigentlich allen Filmen von Wes Anderson. Obwohl das gar nicht mein eigener Stil ist. Ich will aber versuchen, auf dieses ästhetische Niveau und die besondere Stimmung, die die Filme vermitteln, hinzuarbeiten. Man muss sich auch große Ziele setzen. Eigentlich finde ich aber viele Ideen durch das Stöbern in Baumärkten, Ein-Euro-Läden oder sie fallen mir spontan im Bus oder kurz vor dem Einschlafen ein. Oft kommen sie mir auch direkt beim Shooting. Vieles entsteht eben erst durch die Zusammenarbeit aller Beteiligten. Das finde ich persönlich auch sehr schön und spannend. Egal, wie viele Moodboards oder Themen man vorher zusammenstellt, beim Shooting kann etwas ganz Neues, Anderes, Besseres entstehen. Oder auch nicht.

Metamädchen:

Hast du – abgesehen von Wes Anderson – noch andere konkrete Vorbilder, an denen du dich orientierst?

Suse:

Ellen von Unwerth und Emily Soto gefallen mir auch sehr gut. Aber ich orientiere mich eigentlich nicht an anderen, sondern lasse es einfach auch mich zukommen und passieren. Vorbilder sind für mich eher ein Ansporn, weiterzumachen, um irgendwann ein ähnliches Niveau zu erreichen.

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Metamädchen:

Du hast vorhin bereits deinen Freund erwähnt. Soweit ich weiß, arbeitet ihr auch heute noch ab und zu zusammen. Würdest du sagen, er hat einen großen Einfluss auf deine Arbeit? Habt ihr einen ähnlichen Stil oder ergänzt ihr euch eher und “befruchtet” euch so gegenseitig?

Suse:

Dadurch, dass wir zusammen angefangen haben, uns intensiver mit der Fotografie zu beschäftigen, hat er schon eine sehr großen Einfluss auf mich. Von ihm habe ich viele Tricks in Bezug auf Technik und Photoshop gelernt. Und er hatte es oft nicht leicht mit mir, ich bin sehr lernbegierig, lasse mir aber ungern alles vormachen. Ich will alles sofort selbst können. Ich sollte lernen, mich zu zügeln und einfach auch mal nur ruhig zuhören und aufpassen. Unsere Stilrichtungen gehen aber weit auseinander.
Wir arbeiten zwar beide vorzugsweise mit Menschen. Er tendiert aber eher zu konzeptionell durchdachten Themen mit viel Compositing im Anschluss. Darum beneide ich ihn manchmal. Er hat eine Idee und die setzt er dann über Monate, teils sogar über Jahre hin, um. Wir helfen uns fast immer gegenseitig bei unseren Shootings. Der eine ist dann Fotograf, der andere Assistent. Das funktioniert sehr gut, weil wir auf einer Wellenlänge sind.

Metamädchen:

Gab es schon mal Phasen, in denen du hinwerfen wolltest? Wenn ja, warum?

Suse:

Eigentlich ständig. Na ja, so schlimm ist es dann doch nicht. Aber gerade in der Zeit, als ich noch festangestellt war, hatte ich so selten Gelegenheit zu fotografieren, dass ich einfach nicht vorankam und nicht besser wurde. Das hat mich dann schon sehr frustriert. Ich bin sehr kritisch, was meine Arbeit angeht, weil ich mich oft an anderen Fotografen messe. Ich weiß, dass man das nicht machen sollte. Egal. Ich will das jetzt einfach durchziehen. Basta.

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Metamädchen:

Wenn du einen Wunsch in Bezug auf deine Fotografie frei hättest, was würdest du dir wünschen?

Suse:

Es ist absolut unromantisch, aber ein Sack voll Geld wäre gerade jetzt am Anfang nicht verkehrt. Damit könnte ich absolut frei und unabhängig meiner Leidenschaft nachgehen, ohne Einschränkungen. Diese ständig nagenden Hintergedanken, wie ich zum Beispiel die Miete zahlen soll, wären dann auch erstmal passé. Und mal ein wenig reisen zu können, wäre toll. Einfach mal raus und mich von anderen Orten inspirieren lassen. Island oder Schottland sind zum Beispiel Traumziele von mir.

Metamädchen:

Wird es in naher Zukunft auch andere Projekte von dir geben? Vielleicht eine Ausstellung? Oder einen Bildband?

Suse:

Warum nicht?! So was Komplexes ist zwar gerade noch nicht in Planung, aber vorstellen könnte ich mir das auf jeden Fall. Sehr gerne auch mit anderen Kreativen zusammen. Ich liebe es, Menschen kennenzulernen, denen es genauso geht wie mir.

Metamädchen:

Die sollten doch aufzutreiben sein. Wo, wenn nicht in Hamburg? Ich danke dir für deine Zeit, deine Ehrlichkeit und den kleinen Einblick in deine Arbeitswelt.

Also liebe Leute. Wer Lust hat, in Hamburg oder Umgebung gemeinsam was auf die Beine zu stellen … ihr wisst ja, wo ihr sie findet.

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