Eden-Express
von
Mark Vonnegut

- - Büchermädchen

“Hast du ‘nen Plan?” “Nö.” Ich mag Pläne nicht, also mache ich keine. Hätte mir jemand vier Monate, bevor ich die Kisten gepackt habe, gesagt, dass ich bald den Entschluss fassen würde, nach München zu gehen, hätte ich ihm den Vogel gezeigt. Hätte mir vor fünf Jahren jemand gesagt, dass ich kurz vor knapp mein Referendariat schmeißen würde, hätte ich ihm den Vogel gezeigt. Hätte mir ebenfalls vor fünf Jahren jemand gesagt, dass ich in die Schweiz und kurz darauf nach Hamburg gehen würde, hätte ich … ihn ausgelacht. Ich denke nach. Meistens viel zu viel. Aber Entscheidungen fälle ich aus dem Bauch heraus. Schon immer. Warum das so ist? Keine Ahnung. Aber ich bin froh darüber.

Ebenfalls eine Bauchentscheidung, wenn auch nur eine klitzkleine, war es, mir Mark Vonneguts Buch “Eden-Express” herunterzuladen. Ich hatte kaum den Klappentext gelesen, schon hatten die Fingerchen den Kindle gezückt und auf kaufen geklickt. Das Buch erschien vor knapp 3 Wochen auf Deutsch. Geschrieben wurde es vor 39 Jahren. Aber ich habe das Gefühl, es war noch nie so aktuell wie heute.

Es ist die Geschichte eines Ausstiegs. Und die Geschichte eines Wahnsinns. Für mich ist es vielmehr die Geschichte einer Gesellschaftsmüdigkeit, die man heute vielleicht noch mehr als damals (hierbei handelt es sich um eine Hypothese, ich war damals weder unterwegs noch geplant) gefühlt aus jedem zweiten Gesicht herauslesen kann. Zumindest in unseren Wohlstandsstaaten. Wir wollen raus. Wir wollen lieber heute statt morgen die Koffer packen und alles hinter uns lassen. Wir wollen Dinge wieder mit unseren Händen erschaffen und die Natur unter unseren Füßen spüren. Wir wollen nicht mehr funktionieren, um des Funktionierens Willen. In unseren schwachen Momenten zumindest. Mark ist einer, der es durchgezogen hat. Der mit ein paar Freunden nach Kanada gezogen ist, auf eine abgelegene Farm und den Selbstversorger gespielt hat. Aber er ist auch einer, der irgendwann zusammengebrochen ist.

Die Lektüre ist hart. Nicht weil sie schwierig zu lesen ist, sondern weil sie so nah an der eigenen Lebenswirklichkeit entlang schrammt. Man erkennt sich wieder, in Gedanken, in Gefühlen, in Wünschen. In Zweifeln. In Beziehungsproblemen. In Fragen ohne Antworten. Fragen, die ihn irgendwann in den Wahnsinn führen werden. (Ich habe erst ein Drittel gelesen.) Und man fragt sich unweigerlich, was und vor allem wie viel einen selbst noch von diesem Wahnsinn trennt.

“Ich glaube, die meisten hatten von der Art Rationalität, von der unsere Erziehung geprägt war, die Schnauze voll. Nicht nur hatte die westliche Rationalität auf einem wundervollen Planeten eine erbärmliche Sauerei angerichtet, mehr noch ging es uns darum, dass diese Form der Rationalität den Großteil unseres Gehirns blockiert, ohne uns dafür in irgendeiner Form zu entschädigen. Rationale Wahrheiten waren gut und schön, aber größtenteils trivial, langweilig und nicht besonders hilfreich. Wir wollten einen Teil unserer rational arbeitenden Gehirnkapazitäten befreien und Platz für andere Formen des Denkens schaffen. Nachdem wir uns rational entschieden hatten, weniger rational zu werden, hofften wir nun, neue, bedeutsame, aufregende und nützliche Wahrheiten zu finden. Volksmedizin, Astrologie, das I Ging und andere Dinge, die die westliche Rationalität verachteten, dienten uns mehr zu Trainingszwecken, als dass wir wirklich daran glaubten. Mehr und mehr folgten wir einem Bauchgefühl und immer weniger unseren Plänen und hatten auch bei immer mehr Dingen ein Bauchgefühl, wurden immer effizienter und fühlten uns bei dem, was wir taten, immer besser.”

Ich für meinen Teil weiß, was mich noch vom Wahnsinn trennt: mein Bauchgefühl. Ich muss nicht aussteigen, um es wiederzufinden. Und vor allem glaube ich, dass wir nur glücklich werden, wenn wir es schaffen, innerhalb unserer Gesellschaft ein Stück Rationalität abzulegen und Platz für andere Formen des Denkens zu schaffen. Denn es ist nunmal die einzige Gesellschaft, die wir im Moment haben.

MBSR – Achtsam
durch’s Leben

- - Seelenmädchen

Eigentlich dachte ich, MBSR wäre mittlerweile weit verbreitet und fast jedem ein Begriff. Oder zumindest jedem, der sich hin und wieder mit Yoga und Achtsamkeit beschäftigt. Weit gefehlt. In meiner Yoga-Gruppe kassierte ich nur fragende Blicke. Was nicht in erster Linie, aber vielleicht auch daran gelegen haben könnte, dass meine Brücke immer noch aussieht wie nach einem Erdbeben mit Stärke 7,5 auf der Richterskala – irgendwas zwischen eingefallen und komplett zusammengebrochen.

Aber zurück zu MBSR und Jon Kabat-Zinn. Jon Kabat-Zinn, eigentlich studierter Molekularbiologe, entwickelte MBSR Ende der 70er. MBSR steht für “mindfulness-based stress reduction”, also Stressbewältigung durch Achtsamkeit. Schon der Name verrät, dass es sich hier ursprünglich nicht um eine Erfindung der Wellness-Industrie handelt. Soweit ich weiß, entwickelte Jon Kabat-Zinn das 8-wöchige Programm für Klinikpatienten, die unter starken chronischen Schmerzen litten. Und er erzielte damit erstaunliche Erfolge.

Zum ersten Mal wurde ich auf MBSR durch einen Artikel des Spiegel aufmerksam: “Meditation – Die lernende Seele”. Klingt erstmal ziemlich esoterisch. Dabei geht es im Grunde genau um das Gegenteil, nämlich darum, dass die Erfolge, die durch Meditation bzw. MBSR (z. B. in Bezug auf Angststörungen und Depressionen) erreicht werden können, mittlerweile wissenschaftlich untermauert wurden. Nach acht Wochen konnte bei vielen (Angst-)Patienten eine Verkleinerung der Amygdala, des Angstzentrum des Gehirns, nachgewiesen werden.

Schön, dass es wirkt, ist nun also erwiesen. Aber was genau ist MBSR denn nun eigentlich? MBSR ist eine Kombination aus verschiedenen Meditations- und Entspannungstechniken und schließt auch sanfte Yoga-Übungen mit ein. Üblicherweise wird acht Wochen lang einmal die Woche ein 2,5-stündiges Training besucht. Zusätzlich gibt es CDs für Zuhause, mit denen die Teilnehmer ihre Praxis vertiefen können und sollen, wenn sie nachhaltige Erfolge erzielen möchten. Den Abschluss des Trainings bildet der “Tag der Stille”, an dem alle Übungen wiederholt und in Stille geübt werden. Der Zeitraum von acht Wochen ist wichtig, denn nur so kann das Gelernte sich nachhaltig im Gehirn verankern. Soll der Effekt erhalten bleiben oder verstärkt werden, kommt man natürlich auch danach nicht um regelmäßiges Üben herum.

Ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, selbst einen MBSR-Kurs zu belegen. Nicht weil ich unter einer Angststörung leide, sondern weil ich gerne noch ein bisschen mehr bei mir ankommen und noch ein bisschen entspannter und eben achtsamer durch’s Leben gehen möchte. Aber auch hier gilt wie für das Yoga: Ich habe einen gewissen Anspruch, was meine Lehrer betrifft. Und sobald potentielle Coaches auch nur ein Hauch des Esoterischen umweht, bin ich aus der Nummer raus. (Natürlich kommt es hier immer auf die ganz persönliche Definition von Esoterik an.) Too make a long story short: In München hat sich alles gefügt und ich werde ab Ende September an einem MBSR-Intensivkurs am schönen Starnberger See teilnehmen. Acht Wochen, aber nur vier 5-stündige Einheiten. Ich bin gespannt. Bestenfalls bin ich hinterher ein kleiner, dicker, grinsender, in sich ruhender Buddha. Schlimmstenfalls hab ich ein paar schöne Samstage am Starnberger See verbracht.

Der Berg, mein Freund

- - Seelenmädchen

Wir sitzen zusammen, der Berg und ich, bis nur der Berg bleibt. (Li Po, aus: Jon Kabat-Zinn – “Im Alltag Ruhe finden”)

Die Berge. Früher hatte ich sie direkt vor der Haustür und wusste sie nicht zu schätzen. Wie sehr ich sie vermisst habe, wurde mir erst klar, als ich vor wenigen Wochen zum ersten Mal in Tegernsee aus dem Zug gestiegen bin und mein Herz bei ihrem Anblick in leise Jubelschreie ausbrach. Damals habe ich die Kolosse nur von einem gemütlichen Plätzchen am See aus angeschmachtet, heute bin ich ihnen ganz nahe gekommen. Oder zumindest einem von ihnen, einem der kleineren: dem Hirschberg. Die untrainierten Beinchen ächzten, aber das Herz jubelte munter weiter.

Hirschberg 2

“Nun “sitzt” der Berg, wie Sie wohl wissen, den ganzen Tag über einfach da, während die Sonne über den Himmel wandert. Licht und Schatten und Farben verändern sich von Augenblick zu Augenblick in der unnachgiebigen Stille des Berges. Der Berg bleibt still, während die Jahreszeiten ineinander übergehen und das Wetter sich Augenblick für Augenblick und Tag für Tag ändert. Stille, die alle Veränderung überdauert.” (aus: Jon Kabat-Zinn – “Im Alltag Ruhe finden”)

Ich mag die Berge. Die ganze Szenerie rund um den Tegernsee strahlt eine unglaubliche Ruhe und Kraft aus. Da muss man nicht erst Jon Kabat-Zinn gelesen zu haben, um sich ein bisschen Gelassenheit von ihnen abzugucken. Kabat-Zinn geht einen Schritt weiter und schlägt vor, das Bild des Berges in die tägliche Meditationspraxis zu integrieren. Auch im Yoga gibt es eine Haltung, die sich der Berg nennt. Kommt der Berg ins Spiel, geht es immer um die eigene Standfestigkeit und Standhaftigkeit. Es geht darum, das Leben und die Herausforderungen des Daseins anzunehmen, ohne in den eigenen Grundfesten erschüttert zu werden. Das gelingt mir mittlerweile ziemlich gut. Was ich von einer täglichen (oder überhaupt einer regelmäßigen) Meditationspraxis nicht gerade behaupten kann. Noch nicht. Im September könnte sich das ändern. Aber das hat einen eigenen Blogpost verdient.

Komm, wir bauen
ein Baumhaus

- - Kreativmädchen

“Manchmal will ich von dieser Zivilisation nichts mehr wissen, manchmal wünschte ich, ich wüsste nichts vom Fortschritt, sondern glaubte nur ans Pferd. Seltsam, wie sich Wissen über Jahrhunderte verändert hat. Schließlich weiß ich, wie ich durch Try and Error ein elektronisches Gerät bediene, aber ich könnte nicht sagen, wie man ein Haus baut. Ich lege das Kochmesser zur Seite und tippe ins Internet ein: “Wie baue ich ein Haus?” Da kommen erst Anzeigen mit dem Lockruf “niedrige Preise” und natürlich der “Finanz-Ratgeber zum Hausbau: Hypothek und Eigenheim – wie Sie von beidem profitieren.” (aus: Louise Jacobs – “Fräulein Jacobs funktioniert nicht”)

Neulich saßen wir zusammen auf dem Sofa und ich fragte den Mann völlig unvermittelt: “Du kennst nicht zufällig jemanden mit einem Stück Wald?” Die überraschende Antwort: “Doch. Meine Schwägerin. Aber bitte was willst du mit einem Stück Wald?” “Ich will ein Baumhaus bauen. Frag sie mal, ob wir das dürfen.” “Okay, und was machen wir dann mit dem Baumhaus?” “Nichts. Ich will es einfach nur bauen.”

Seit einigen Wochen treibt mich der Wunsch um, mit Hammer, Nägeln und ein paar Brettern auf eine Waldlichtung zu ziehen und dort ein kleines Häuschen zu zimmern. So wie wir es als Kinder getan haben. Damals gab es die Ferienstadt, zu der Eltern ihre Kinder anmelden konnten, wenn sie in den Sommerferien einfach mal eine Woche ihre Ruhe haben wollten. Jeden Morgen wurde eine lärmende Horde energiegeladener kleiner Menschen in einem Bus auf einen Berg gekarrt, auf einer großen Waldlichtung ausgespuckt und abends wurden müde, zarte Lämmchen wieder zuhause abgeliefert. Besser geht’s nicht.

In der Zeit dazwischen hämmerten, sägten, bastelten und bluteten wir. Wir entwarfen Baupläne und bewarfen uns mit Schlamm und Matsch. Wir schlugen Pfähle in den Boden und ab und zu mit dem Hammer auf den Finger. Wir hatten Spaß. Dass danach keiner in diesen kleinen, windschiefen Häuschen wohnte, war Nebensache. Wir hatten von null auf etwas mit unseren eigenen kleinen Händen erschaffen. Darum ging es und das war ein großartiges Gefühl.

Keine Ahnung, warum ich dieses Gefühl gerade jetzt so vermisse. Wahrscheinlich waren die letzten Wochen und Monate zu kopflastig. Ständig wollte irgendetwas geplant und durchdacht werden. Ständig wollten Probleme analysiert und Lösungswege erarbeitet werden. Dazu ein Job, der zu 90% aus Denken besteht. Und fertig ist der Wunsch, sich mal wieder die Hände schmutzig zu machen und die Hosen an halbeingeschlagenen Nägeln aufzureißen.

Die Schwägerin ist noch nicht gefragt, der Wunsch fast schon wieder verworfen, da erzählt dir Louise Jacobs eines Abends im Bett davon, wie man ein Haus baut. Und zack, steht mein kleines 8-jähriges Ich wieder vor mir, zerrt an meinen Händen und sagt: “Jetzt komm endlich, lass uns ein Baumhaus bauen.” Wo ist der nächste Baumarkt? Ich brauche große Nägel und eine Säge. Den Hammer habe ich schon.

“Ich finde die Antwort schließlich nicht im Internet, sondern in meinem Auswandererführer und stelle fest: Hausbauen wurde um 1900 als ein leichtes Unterfangen geschildert. Mit Hilfe der Nachbarn schlägt man sich im Wald die erforderlichen Stämme. Schleppt diese zusammen und haut sie entsprechend zu. Je nachdem, wie die eigenen Ansprüche sind, kann man sich dann einen Schuppen oder eine Blockhütte bauen. [...] Baut man einen Schuppen, muss man die Stämme erst mal entrinden und auf die erforderliche Länge absägen. Ist dies getan, müssen die Stämme an beiden Enden zugehauen und eingekerbt werden. Mit Steinen, die man aus der Umgebung heranschleppt, wird das Fundament gelegt.” (aus: Louise Jacobs – “Fräulein Jacobs funktioniert nicht”)

Fräulein Jacobs funktioniert nicht. Oder doch?

- - Büchermädchen

Als ich diese Woche in den digitalen Bücherregalen von lovelybooks.de stöberte, fiel mir „Fräulein Jacobs funktioniert nicht“ in die Hände. Ich mochte Titel und Untertitel („Als ich aufhörte, gut zu sein“), der kurze Klappentext hingegen sorgte dafür, dass ich meine Erwartungen nicht zu hoch hängte. Immer eine gute Voraussetzung für positive Überraschungen.

Im Gegensatz zu Katrin Bauerfeinds Buch „Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag“, das ich zuvor gelesen und dessen Ende ich aus reinem Trotz erreicht habe („Das kann doch nicht wirklich so schlecht sein, da muss doch irgendwann noch irgendwas kommen!“), möchte ich das Buch von Fräulein Jacobs am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen. Ich mag ihre Art der Selbstreflexion – ehrlich, schlicht und ohne großes Selbstmitleid. Ich mag sie als Person, sie ist quasi ein Munge – halb Mädchen, halb Junge. Man erkennt sich als Frau darin jedenfalls sehr schnell wieder, wenn man mit zwei Brüdern und zwei besten männlichen Freunden aufgewachsen ist. Auch wenn ich nie einer werden wollte, kann ich sogar ihren Wunsch, Cowboy zu werden, gut nachvollziehen. Dennoch beinhaltet mir das Buch manchmal ein bisschen zu viel Cowboy-Romantik, vor allem weil die Kapitel einen immer wieder aus ihrer Innenperspektive reißen. Vielleicht ist das sogar der Sinn der Sache, um die schwere Kost zwischendurch ein bisschen aufzulockern, aber es ist nicht so ganz meins. Was nicht heißt, dass ich mich nicht ab und zu darin verlieren kann.

Ich habe gelesen, dass Louise Jacobs heute als Schriftstellerin in Berlin lebt. Cowboy geworden ist sie also nicht. Zumindest nicht Vollzeit-Cowboy. Dementsprechend gespannt bin ich, inwiefern sie ihren Jugendtraum heute lebt und wie sie ihn in ihr Leben integriert hat. Schon nach rund 50% (Kindle-Zeitalter) kann ich auf jeden Fall guten Gewissens behaupten, dass hier eine interessante Persönlichkeit von ihrer nicht minder interessanten Lebensgeschichte erzählt. Für mich funktioniert Fräulein Jacobs also ziemlich gut. Und schreiben kann sie auch.

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