School of Doodle:
“Learning Lab” für Kreativität

- - metamaedchen

Notiz an mich: Ideen schneller umsetzen. Sonst macht sie ein anderer. Molly und Elise zum Beispiel. Die beiden haben auf Kickstarter jetzt ein ziemlich tolles Projekt gestartet: Sie wollen eine digitale Schule für Kreativität aufbauen, die „School of Doodle“. „A peer-to-peer, self-directed learning lab dedicated to activating girls‘ imaginations through entertainment, education and community.“

Die „School of Doodle“ richtet sich ausschließlich an Mädels, was ich etwas schade finde. Ich kann dieses Gender-Theater nur bedingt nachvollziehen. Aber gut. Den Schülerinnen stehen viele bekannte (und weniger bekannte) Mentoren zur Seite – von Marina Abramovic bis Salman Rushdie. Diese Mentoren leiten in Lernvideos dazu an, die eigenen kreativen Fähigkeiten auf bestimmten Gebieten zu entwickeln und zu vertiefen. Anstelle von Noten soll es Doodle Dollars geben, die dann gegen kreativitätsfördernde „Belohnungen“, zum Beispiel Kameras oder Ausflüge, eingetauscht werden können. Und das Beste: Das Ganze ist für die jungen Damen kostenlos.

Aber irgendwie muss die „School of Doodle“ ja finanziert werden. Aktuell sind auf Kickstarter rund 50.000 US Dollar der angestrebten 75.000 US Dollar zusammengekommen. Wer das Projekt finanziell unterstützen möchte, kann sich Doodles („Kritzeleien“) der bekannten Unterstützer als Dankeschön sichern.

Kreativität am Arsch

- - metamaedchen

„Und was, wenn es mir dann gut geht und dafür ist meine Kreativität am Arsch? Dass ich so kaputt bin, treibt mich auch irgendwie an. Man könnte sagen, ich bin ein Getriebener. Und nur deswegen bin ich so gut in dem, was ich tue.“

Sätze, die ich so oder so ähnlich schon oft gehört oder gelesen habe. Im Kopf ist mir beispielsweise ein Interview mit Lemmy Kilmister geblieben, in dem er sinngemäß sagte, dass sich seine Kreativität aus seiner Zerrissenheit speist. Um es kurz zu machen: Ja, aber nee.

Ja, ich glaube, dass sich Kreativität in erster Linie aus einem inneren Konflikt speist. Weil Kreativität aus dem Wunsch heraus entsteht, sich auszudrücken. Den inneren Schmerz sichtbar zu machen – auf welche Weise auch immer. Sich anderen mitzuteilen – auf welche Weise auch immer. Weil sich Ängste, Zweifel und Leiden nicht so einfach teilen lassen wie Freude, Glück und gute Nachrichten. Also suchen wir nach Wegen, sie aufmerksamkeitsstark zu inszenieren. Schließlich wollen wir, dass sie wahrgenommen werden. Wenn auch nicht, dass sie auf den ersten Blick entschlüsselt werden.

Und ja, ich glaube auch, dass wir zumindest einen kleinen Teil in uns brauchen, der uns nicht so mega super duper toll findet. Denn nur dann haben wir das Gefühl, allen und allen voran uns selbst irgendetwas beweisen zu müssen. Das treibt an. Das spornt an. Das lässt uns manchmal über uns selbst hinaus wachsen. Eine Zeitlang funktioniert das. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem wir uns entscheiden müssen. Wir können den selbstzerstörerischen Weg weitergehen und dabei – ohne Frage – große Kunst erschaffen. Van Gogh, Baudelaire, Bukowski – um nur wenige zu nennen, die es vorgemacht haben. Wir können aber auch einen anderen Weg einschlagen und lernen, mit unseren Dämonen Freundschaft zu schließen. (Tiefe) Wunden verschwinden nicht, sie heilen höchstens. Und genauso wenig wird der Wunsch verschwinden, uns selbst und das, was uns widerfahren ist, ausdrücken zu wollen.

Ich glaube sogar, dass der Prozess des Heilens uns besser macht. Weil er uns in die Lage versetzt, andere Sichtweisen auf uns und das Geschehene einzunehmen. Dadurch fügt er der Realität neue Facetten hinzu, die wir in unsere Kunst, in unsere Kreativität einfließen lassen können. Zudem hilft uns dieser Prozess, über einen längeren Zeitraum hinweg kreative Leistungen zu erbringen – weil wir nicht nach jeder Phase kreativen Schaffens völlig zerstört am Boden liegen und uns in unser vermeintliches Schicksal ergeben.

My Impossible

- - metamaedchen

„So put it in all of the papers. I’m not afraid. They can read all about it, read all about it.”

Vor Kurzem habe ich mich bei der Plattform amazers.co angemeldet. Amazers sagt über sich selbst: „… we are convinced to be able to create a world in which everyone is inspired and challenged to live up to his or her full potential.” Klingt erstmal nach Geldmacherei – kostet aber nichts. Jedenfalls noch nicht. Das Konzept dahinter ist recht einfach: Amazers sucht nach Mentoren mit großen Namen. Mentoren, die in ihrem Leben etwas geleistet haben. Und die andere dazu inspirieren möchten, über sich selbst hinauszuwachsen. Schirmherr von „Pioneering Spirit“, der ersten Challenge, zu der man sich anmelden konnte, ist Bertrand Piccard. Der Bertrand Piccard, der in 20 Tagen gemeinsam mit Brian Jones die Erde in einem Heißluftballon umrundet hat. Im dritten Anlauf. Der Bertrand Piccard, der gerade an einem Solarflugzeug tüftelt, um die Welt ein weiteres Mal zu umrunden und das Bewusstsein der Gesellschaft für die Notwendigkeit erneuerbarer Energien zu schärfen.

Nun ist Bertrand Piccard natürlich „nur“ derjenige, der einen Anstoß mit seinem Leben und seiner Geschichte geben kann. Den Rest muss man schon selber machen – aber nicht allein. Sondern gemeinsam mit 29 anderen „amazers“. Immer 30 Challenger werden zu einer Gruppe zusammengefasst, die sich gegenseitig unterstützen und pushen soll. Eine Challenge ist in drei Schritte unterteilt, die nacheinander freigeschaltet werden. Jeder Schritt muss innerhalb von 7 Tagen umgesetzt werden. Erster Schritt ist in diesem Fall, das ganz eigene „Impossible“ zu definieren. Ein Ziel, das so groß ist, dass es im ersten (und wahrscheinlich auch im zweiten, dritten und vierten) Moment unerreichbar scheint. Dieses Ziel teilt man mit den anderen, indem man es auf ein Blatt Papier schreibt und sich damit fotografiert. Ich kenne die anderen beiden Schritte noch nicht, aber wahrscheinlich ist das auch schon der wichtigste Punkt an der ganzen Sache. Sich selbst klarmachen, was man um jeden Preis erreichen möchte, und dieses Ziel „real“ machen, indem man es öffentlich macht. Oder zumindest semi-öffentlich. Man kann seine Beiträge mit allen „amazers“ oder eben nur den „amazers“ der eigenen Gruppe teilen.

Wie schwer dieser erste Schritt wirklich ist, wird daran ersichtlich, wie wenige klar umrissene Ziele bisher veröffentlicht wurden. In meiner eigenen Gruppe ist der Schritt vor drei Tagen freigeschaltet worden und bisher hat erst ein Mitglied sein Ziel gepostet. In der öffentlichen Community ist das ausgegebene Ziel ziemlich oft „irgendwie die Welt zu verändern“. In meinen Augen nicht wirklich der Sinn der Sache. Denn „irgendwie die Welt verändern“ ist ein ziemlich theoretisches Konstrukt. Und genauso theoretisch werden die Schritte bleiben, dieses Ziel zu erreichen. Wenn amazers.co und die Challenges für irgendwas gut sind, dann doch dazu, sich selbst zu „zwingen“, vage Wünsche und Ziele so zu konkretisieren, dass daraus „echte“ Projekte werden. Projekte, die so anfassbar werden, dass man fast schon zwangsläufig mit der Umsetzung beginnt – auch wenn die ersten Schritte auf dem Weg dorthin einem eine ordentliche Portion Mut abverlangen. Das ist das Schwierige an der Sache. Ich bin mir relativ sicher, dass viele Challenger bereits daran scheitern. Und am Schluss nur wenige „Amazers“ übrigbleiben, die ihre Ziele konsequent verfolgen und umsetzen. Aber ich bin mir auch sicher, dass es sich genau für diese Geschichten lohnt, der Plattform treu zu bleiben. Ob ich am Schluss dazugehöre – wir werden sehen.

Aktuell ist eine neue Challenge mit Roz Savage als Schirmherrin angelaufen: „Do something solo“.

“Ich geh zu Pixar!”

- - metamaedchen

Moin. Kommt mal mit, ich will euch jemanden vorstellen. Und zwar Eva. Ich kenne Eva aus meiner Zeit bei Grabarz & Partner. Dort haben wir zusammen an Volkswagen und Volkswagen Nutzfahrzeuge Katalogen gebastelt. Bis ich hinschmiss, um mein Glück in einer anderen Agentur zu suchen. Und Eva hinschmiss, um ihr großes Ziel Pixar in Angriff zu nehmen. Einerseits der spannendere Grund für eine Kündigung, andererseits ein ziemlich ambitioniertes Vorhaben. Aber ich finde Größenwahn in kleinen Dosen ja ziemlich sympathisch. Das alles war vor ungefähr einem Jahr. Ein guter Zeitpunkt, um eine erste Bilanz zu ziehen. Also, Eva, erzähl doch mal: Was ist seither passiert? Was hast du unternommen, um der Verwirklichung deines großen Traumes ein Stückchen näher zu kommen?

Eva:
Haha, Größenwahn in kleinen Dosen :D finde ich gut. Ich glaube, ich muss da ein wenig weiter ausholen. Man wacht ja nicht eines Morgens auf und denkt “Hm, ich glaube, ich kündige heute und geh zu Pixar.” In mir machte sich über die Zeit eine große Unzufriedenheit breit, die ich anfangs gar nicht genau erklären konnte. Irgendwann wusste ich: Grafiker für Volkswagen will ich nicht mehr sein. Aber ich wusste, dass es im Grunde um eine ganz andere Frage ging: Will ich überhaupt noch in der Werbung bleiben? Die Antwort überraschte mich selbst wohl am meisten: Nein, will ich nicht. Und das, obwohl seit meinem 15. Lebensjahr für mich feststand, dass der coolste kreative Job der eines Werbers ist. Um das erstmal zu verdauen, sprach ich mit meinen engen Freunden und mit meiner Familie darüber.

Meine Mutter war es schließlich, die mich daran erinnerte, dass ich in den Poesiealben meiner Schulfreunde die Frage nach meinem Berufswunsch stets mit “Zeichner bei Disney” beantwortete. Nun, Disney mag ich noch immer sehr, aber Pixar schafft es, mich zu verzaubern. Ich rechnete mir allerdings nicht die geringste Chance aus und verwarf die Idee erst einmal wieder, so verrückt erschien sie mir. Aber sie schaffte es immer wieder an die Oberfläche und fragte mich erst leise, dann immer lauter, warum ich bloß so ein Schisser sei. Ich hatte keine Antwort darauf.

Also fing ich an rumzuspinnen und rechnete aus, wie lange ich ungefähr brauchen würde, um mich schließlich bewerben zu können. Die Antwort: lange! Wieder bekam ich es mit der Angst zu tun.

Doch dann schaltete sich das Schicksal ein. Und plötzlich stieß ich an jeder Straßenecke auf Pixar-Plakate. Tatsächlich kam eine Jubiläums-Ausstellung nach Hamburg, die Skizzen und Conceptart zu den bisherigen Filmen zeigte. Kurze Zeit später kam mein Freund mit der Nachricht nach Hause, dass bald jemand von pixar kommen und über seinen neuen Kurzfilm (the blue umbrella) und Pixar sprechen würde. Natürlich fuhren wir hin – ich war begeistert! Der junge Mann, ebenfalls aus Hamburg, kam gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. Und seine Begeisterung fühlte sich echt an. Schließlich suchte ich hochmotiviert nach Zeichenkursen im Internet, um mir den Wiedereinstieg ins Illustrieren etwas zu erleichtern. Und wieder schaltete sich das Schicksal ein. Ich stieß zufällig auf die Seite schoolism.com, über die man – ich konnte es gar nicht glauben – Zeichenkurse bei den kreativen Köpfen von Pixar selbst buchen konnte. Natürlich kosten diese Kurse nicht wenig, aber ich hatte einiges gespart und meldete mich gleich an. Das sollte sich noch als grandiose Entscheidung herausstellen. Aber später mehr dazu.

Ab diesem Moment verbrachte ich jede freie Minute damit, über Pixar zu recherchieren, sah mir making-ofs an und las Interviews – und war schließlich bereit, den Traum in Angriff zu nehmen. Der Rest ist bekannt – ich kündigte und erntete ein paar verwunderte, aber interessanterweise auch viele bewundernde Blicke, mit denen ich ehrlich gesagt gar nicht so gerechnet hatte. Das motivierte mich zusätzlich. Und ich war mir sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Seit der Kündigung mache ich, ganz simpel, eines: Ich zeichne – wann immer es geht.

05Charakter

Metamädchen:
Du bist ja sogar nach San Francisco geflogen und durftest dein Näschen in die heiligen Hallen von Pixar stecken. Wie war das so? Was hat dich am meisten beeindruckt? Hat dich das noch mal zusätzlich motiviert?

Eva:
Oh ja, das hat es! Das war schon der totale Wahnsinn und kommt mir manchmal noch heute echt surreal vor: Man trifft eine Entscheidung und >>zack<< eröffnen sich einem ungeahnte Möglichkeiten. Und schon wieder war das Schicksal am Werk: Es gibt bei uns zuhause so eine Art Tradition. Mein Vater war bis vor Kurzem Pilot und jedes von uns vier Mädels (ja, ich habe drei Schwestern!) durfte sich so mit 15/16 Jahren eine Reise aussuchen. Letztes Jahr war meine kleine Schwester an der Reihe und sie suchte sich ausgerechnet San Francisco aus – die Heimatstadt von Pixar! Und ich durfte mit! Also ergriff ich die Chance beim Schopf und schrieb meinem zukünftigen Lehrer. Ich fragte ihn, ob wir uns auf einen Kaffee treffen könnten – schließlich war das Ziel, irgendwann seine Kollegin zu werden.

Ich hatte ja nichts zu verlieren, war aber trotzdem überrascht, wie schnell die Antwort kam: “Klar kannst du! Aber willst du mich nicht lieber bei Pixar besuchen? Ich führe dich gerne rum!” Ich war platt. Und nur ein paar Wochen später öffneten sich die Tore von Pixar für mich. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, den Ort seiner Träume betreten zu können. Ich sollte mich im “Steve-Jobs-Building” anmelden. Das wissen übrigens auch nicht viele: Als Steve Jobs einige Zeit nicht mehr bei Apple arbeitete, war er mal so ganz nebenbei Mitbegründer von Pixar. Verrückter Typ! Ich wurde dann sehr nett von Daniel, meinem künftigen Zeichenlehrer, empfangen. Er zeigte mir quasi alles – abgesehen vom Art Department, wo die ganze Magie – also die neuen und noch ganz geheimen Ideen – entsteht. Aber es war auch so richtig, richtig toll. Ich bekam ehrliche Antworten auf all meine Fragen, erfuhr viel über Pixar und noch mehr über meinen Traumberuf. Später trafen wir in einer der rund 35 (!) Café-Bars auf Daniels Freunde, die mich (und ich sie) ausfragten. Darunter war auch einer meiner liebsten Story-Artisten, Louis Gonzales. Man, war ich eingeschüchtert! Aber nach ein paar Jalapeño-Tequila-Cocktails taute ich auf und lernte, dass die Leute bei pixar nicht nur unheimlich talentiert, sondern auch offen, witzig und nicht etwa, was man ja eigentlich erwarten könnte, irgendwie eingebildet sind. Und vor allem, dass sie auch nur Menschen sind. Alle Bekanntschaften, die ich dort gemacht habe, arbeiten übrigens schon über 10 Jahre dort und sind (immer noch) glücklich. Kurz zusammengefasst: Es war ein wunderbarer Tag mit 1000 Eindrücken, der meinen Wunsch vertieft und mich noch mehr motiviert hat, alles zu geben.

01Foto

Metamädchen:
Wie viele Stunden am Tag sitzt du vor deinem Skizzenblock? Gibt es beim Zeichnen irgendwas, was dich immer wieder in den Wahnsinn treibt? Was fällt dir besonders schwer?

Eva:
Ich versuche, das Zeichnen als eine Art Job zu sehen und mich mindestens acht Stunden am Tag damit zu beschäftigen. Das heißt aber nicht, dass ich immer acht Stunden durchzeichne. Oft sammle ich Ideen, schaue mir andere Künstler und ihre Herangehensweisen an oder fertige einfach lockere Skizzen an, um mich “aufzuwärmen”.

Eine Sache, die mich regelmäßig in den Wahnsinn treibt, ist die liebe Kontrolle. Ich bin leider ein regelrechter Kontrollfreak, was meine Zeichnungen angeht. Ich versuche ständig, ein gewisses Resultat von mir zu verlangen, auch wenn ich handwerklich noch gar nicht so weit bin. Oder ich ärgere mich, wenn es anders wird als gedacht. Langsam bekomme ich das aber in den Griff, denn ich fange an, zu akzeptieren, dass ich noch nicht alles können kann und erst mal bei dem Fundament anfangen muss, um ein stabiles Haus zu bauen. Das heißt, ich übe erst mal das Handwerk, bevor ich ein Meisterwerk von mir verlange. Außerdem bekommt man ein richtiges Freiheitsgefühl, wenn man nicht beim ersten Strich auf dem Blatt an das Endresultat denkt, sondern der Zeichnung die Gelegenheit gibt, sich zu entwickeln.

Metamädchen:
Wo nimmst du deine Ideen her? Zeichnest du strikt nach einem Lehrplan? Oder lässt du deiner Fantasie freien Lauf?

Eva:
Ein bisschen was von beidem, würde ich sagen. Wenn ich eine Idee habe, dann überlege ich, ob sie Zeug zu einem ganzen Projekt hat oder ob daraus eher eine Reihe von Einzelbildern wird. Und danach richtet sich dann mein Plan, denn ganz ohne geht es nicht. Das ist so eine Art roter Faden, an dem ich mich entlang hangele, auch damit ich nicht zu viel Zeit vertrödele.

Meine Ideen kommen auf ganz unterschiedliche Weise zustande. Einmal hatte ich Lust, ein Märchen zu illustrieren, wollte aber keines von Grimm nehmen, weil diese schon wirklich oft interpretiert wurden. Also suchte ich nach anderen Märchen und stieß dann auf irische Sagen und illustrierte die Legende von Cú Chulainn, einem kleinen Jungen, der zu einem großen Helden wurde.

Oder ich schnappe Szenen auf, Wortfetzen, die inspirierend sein können … oder ich finde ein Gesicht, das ich interessant finde und illustrativ umsetze.

Metamädchen:
Gibt es so was wie die Schreibblockade auch für Illustratoren? Sitzt du manchmal vor einem weißen Blatt, willst zeichnen, hast aber keine Ahnung, wen oder was? Und was tust du dann?

Eva:
Oh ja, das gibt es auch bei Illustratoren. Ich hatte zum Glück noch keine richtig schlimme, aber das kommt durchaus mal vor. Wenn mein Kopf total leer ist, dann hilft es mir zum Beispiel rauszugehen und Leute zu zeichnen – dann fokussiere ich mich auf die “Essenz” der Person, zum Beispiel eine große Nase, und zeichne dann eine Seite voll mit Menschen, die große Nasen haben. Oder ich schalte tatsächlich den Fernseher ein, denn beispielsweise bei Sportsendungen kann man super bestimmte Gesten zeichnen – etwa einen hoch konzentrierten Torhüter. Zudem folge ich auf Instagram dem Account “sketch_dailies”, der jeden Tag ein neues Thema postet, zu dem man sich kreativ austoben kann.

Wenn also nichts mehr geht, widme ich mich diesen “kleinen” Minutenskizzen und mache daraus auch nichts größeres.

02Cafezeichnungen

Natürlich gibt es auch Tage, an denen gar nichts läuft. Wenn ich nur Mist produziere, zwinge ich mich auch nicht zum Zeichnen. Dann gehe ich eine Runde spazieren, treffe Freunde oder fahre für ein Wochenende zu meiner Familie. Und wenn ich dann wieder nach Hause komme, ist in der Regel alles wieder okay.

Metamädchen:
Dein nächstes Etappenziel ist London. Im September gehts los. Was hast du dort genau vor?

Eva:
Ja, richtig! Darauf freue ich mich riesig! Ich werde dort die nächsten zwei Jahre Illustration studieren, um noch mehr Input und Kritik zu bekommen. Für sich alleine zu zeichnen, ist zwar auch toll, aber ohne Kritik steckt man meiner Meinung nach irgendwann fest. Die Dozenten an der Middlesex-University, an der ich studieren werde, richten sich auch nach individuellen Plänen, was sich bei mir als äußerst wertvoll erweist. Eine gute Sache ist nämlich, dass Louis Gonzales, der Story-Artist von Pixar, auch für die kreativen Praktika zuständig ist und mir sehr gute Tipps gegeben hat. Deshalb weiß ich auch, auf was ich den Fokus setzen werde. Denn schließlich will ich keine Kinderbücher illustrieren, sondern auf kurz oder lang für Filme zeichnen können.

Metamädchen:
Bekommst du manchmal Bammel vor der eigenen Courage und denkst dir: “Aaaalter, was hat mich da eigentlich geritten?” Oder hast du die seltene Gabe, zu jeder Zeit ganz fest daran zu glauben, dass du dein Ziel erreichst?

Eva:
Und ob, regelmäßig sogar. Ich erwische Herrn Zweifel alle paar Monate dabei, wie er sich neben mir auf dem Sofa ausbreitet und mir gehässig zuflüstert: “Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Denkst du, du bist etwas Besonderes? Du wirst es niemals schaffen, wenn du so faul bist!” Danach verschwindend er lachend wieder. Und ich? Ich sitze auf der Couch wie ein Häufchen Elend, bemitleide mich selbst und entwickle Plan B und C. Aber dann kommt wieder meine gute Freundin, das Schicksal, klopft mir auf die Schulter und überreicht mir die Annahme zum Illustrationsstudium. Und die Nachricht, dass ich sogar im 3. Semester beginnen darf. Oder es lässt mich auf andere kreative und tolle Menschen treffen, die mich wieder aufbauen.

Metamädchen:
In welchen Momenten sind die Zweifel am stärksten? Und wie gehst du damit um?

Eva:
Anfangs war ich beispielsweise sehr frustriert. Ich glaubte, schon gleich einen Stil entwickeln zu müssen und verwechselte ein gutes Bild mit einem Bild, das sehr real aussehen musste. Da merkte ich wieder, dass es ein langer, langer Weg werden würde und das hat mich etwas demotiviert. Aber nach Daniels Kurs bekam ich ein wenig Routine. Ich lernte, wie ich mich locker machen konnte, wie man komplexe Sachen herunterbrechen kann und wie man die Dinge am besten anpackt. Und plötzlich war es gar nicht mehr so schlimm, Fehler zu machen, sondern es war immer nur ein Schritt, um noch besser zu werden. Ich habe gelernt, mich einfach nicht so unter Druck zu setzen.

Für gewöhnlich sind die Zweifel dann am schlimmsten, wenn ich einen schlechten Tag habe und mir, wie vorhin beschrieben, gar nix gelingen will. Wenn mir mein Plan dann zu abwegig erscheint und Herr Zweifel wieder vorbeischaut, hole ich Plan B und Plan C heraus und wedle damit vor seiner Nase herum. Schließlich bin ich nicht doof und weiß auch, was ich mache, wenn es mit Pixar nicht klappt. Aber gleich danach verstecke ich die Alternativen wieder tief in der untersten Schublade, weil ich fest daran glaube, dass ich sie nicht brauche.

Metamädchen:
Ein schönes Schlusswort, wie ich finde. Dann können wir es meinen Lesern ja jetzt verraten oder?

Eva:
Auf jeden Fall!

Also, dann lüfte ich mal das Geheimnis: Eva wird in Zukunft mein Blog ein wenig verschönern und da, wo es sich anbietet, ihre hübschen Illustrationen beisteuern. Dann wird hier alles ein bisschen bunter und darauf freu ich mich jetzt schon. Und in ungefähr einem Jahr schauen wir dann wieder, was Evas großer Traum gerade treibt. Oder ob Herr Zweifel doch zuletzt lacht. Aber das kann ich mir bei Evas Tatendrang kaum vorstellen. Falls ihr Evas Werdegang in der Zwischenzeit verfolgen wollt, könnt ihr das auf Instagram tun: Fräulein Susi.

Per Leo
Channah Trzebiner
Die dritte Generation

- - metamaedchen

Ich lese gerade zwei Familienromane. Der eine orientiert sich am klassischen Familienroman, erinnert entfernt oder auch gar nicht mal so entfernt an die Buddenbrooks, ist mal leichter, aber oft genug schwerer zu lesen, schweift ab, verliert sich auf Nebenschauplätzen. Dabei behandelt er ein Thema, das für sich genommen so komplex ist, dass es ganze Brockhaus-Bände füllen könnte. Dem gegenüber steht ein Buch, das mich manchmal an meine alten Tagebücher erinnert. Die Innenschau einer jungen Frau erzählt davon, wie es ist, in einer traumatisierten Familie aufzuwachsen und wie schwierig es sich gestaltet, unter solchen Bedingungen zu einer eigenständigen, starken Persönlichkeit heranzureifen. Dementsprechend verdichtet und in klarer Sprache reflektiert die Autorin die Vergangenheit und ihre Auswirkungen auf die Gegenwart.

Die Rede ist von Per Leos “Flut und Boden” und Channah Trzebiners “Die Enkelin – Oder wie ich zu Pessach die vier Fragen nicht wusste”. Das Spannende an dieser Konstellation: die dritte Generation erzählt zwei Seiten derselben Geschichte. Nämlich die des Holocaust – und eben auch wieder nicht. Es geht um den Holocaust. Aber noch mehr geht es um Menschen. Um Persönlichkeiten. Um Psychologie. Es geht um “wie es so weit kommen konnte” und um “was daraus für uns folgte”. Der Enkel rekonstruiert den Werdegang des Großvaters bis hin zum Abteilungsleiter im Rasse- und Siedlungshauptamt der SS. Die Enkelin seziert, wie sich das Trauma der Großeltern – Resultat der erlittenen Gräuel während der NS-Zeit – auf das Selbstwertgefühl der zweiten und dritten Generation – ihrer eigenen Generation – auswirkt. Zwei Bücher, die für mich einen sehr wichtigen Beitrag leisten.

Ich wurde schon in meiner Kindheit für die ganze Thematik sensibilisiert. “Als Hitler das rosa Kaninchen stahl” von Judith Kerr, “Sternenkinder” von Clara Asscher-Pinkhof und “Das Tagebuch der Anne Frank” zählten zu meinen Lieblingsbüchern. Und doch schaffte es meine Schulzeit, mir die Auseinandersetzung damit zu verleiden. Zu oberflächlich, zu einseitig und vor allem viel zu häufig und in zu vielen Fächern gleichzeitig wurde der Zweite Weltkrieg behandelt. Man stellte zwangsläufig irgendwann auf Durchzug. Was dazu führte, dass ich heute viel weniger über das Thema weiß, als ich eigentlich wissen sollte. Weil ich einfach irgendwann nichts mehr darüber wissen wollte. Die Sicht von zwei indirekt (und dabei doch so direkt) Betroffenen meiner eigenen Generation hat mein Interesse nun endlich wieder zum Leben erweckt. Per Leo und Channah Trzebiner haben nicht über den Zweiten Weltkrieg geschrieben. Sie haben über Menschen geschrieben. Und wenn ich eine Leidenschaft für irgendetwas habe, dann für Menschen und für ihre Geschichten. Für Geschichten, die mir erzählen, wie diese Menschen zu dem wurden, was sie heute sind. Oder damals waren.

“Als ich Bergen-Belsen verlasse, fühle ich wieder einmal das Glück, nicht auf der anderen Seite stehen zu müssen. Natürlich hat die Nachkriegsgeneration und die dritte Generation keinerlei Schuld! Selbstverständlich nicht. Aber ungeklärte Fragen und Tabus müssen belasten, und auch den unbeschwertesten Enkel wird doch die Frage einmal im Leben quälen, was die Großeltern getan haben.”
Aus: Channah Trzebiner, Die Enkelin

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