Worte, Taten und lahme Zungen.

- - Seelenmädchen

Ich wollte was zu sagen haben. Ich wollte Worte finden, die das Leben von vielen verändern. Oder nur von einigen wenigen. Ich wollte in die Welt hinausschreien, was andere nicht zu sagen wagen. Ich wollte es in alle Zeitungen schreiben. Oder zumindest in ein Buch. Und dann war da plötzlich Zufriedenheit. Vielleicht kam sie gar nicht so plötzlich und vielleicht noch nicht mal über Nacht. Vielleicht hab ich sogar ganz schön viel dafür getan. Und vielleicht war ich trotzdem ein bisschen überrascht, als sie plötzlich da war. Zufriedenheit, die das Leben angenehm machte. Und die Zunge lahm.

Ich war beschäftigt. Mit Zufriedensein. Und während ich noch Glücksgefühle zählte, schlich sich heimlich, still und leise eine Spur von Unzufriedenheit in die eigentlich zufriedenstellende Gesamtsituation. Weil es doch trotz aller persönlicher Zufriedenheitsgründe ganz schön viel zu sagen gäbe. Anzuprangern. Aufzuzeigen. Hinauszuschreien. Nur ist Schreien mit lahmer Zunge eben gar nicht mal so leicht.

Aber vielleicht … vielleicht macht sie auch nur eine Pause. Und vielleicht … vielleicht wartet sie feucht und schwer im Unterkiefer schlummernd einfach nur auf eine Erkenntnis. Auf die Erkenntnis, dass Zufriedenheit manchmal auch als Zwischendecke fungiert, die die Akustik verändert. Die den geschrienen Worten Schwere verleiht, so was wie Substanz. Auf die Erkenntnis, dass Worte, die auf Subtanz aufbauen, manchmal sogar zu Taten werden. Was ziemlich erstrebenswert wäre, weil Worte gemeinsam mit Taten immer besser aussehen als allein.

Siri Hustvedt.
Eine Momentaufnahme aus dem Deutschen Schauspielhaus.

- - Seelenmädchen

Ich stehe im Deutschen Schauspielhaus auf einer Treppe, die zum Marmorsaal führt, zu einem Tisch voller Bücher und zu Siri Hustvedt, die aus einem Wasserglas trinkt, während sie sich meinen Namen anhört. Die, bevor sie ihren Namen schwungvoll auf die dritte Seite setzt, innehält, mich anlächelt und fragt: “Asti?” “Yes. A-S- …” Sie vollendet: “… T-I. Asti. Really? That’s my sister’s name.” Ich bin überrascht. Bis mir einfällt, dass ich das bereits wusste. Ich habe es in der Danksagung von “Was ich liebte” gelesen, mich heimlich ein bisschen gefreut und es offensichtlich wieder vergessen. Sie erzählt mir, wie ihre Schwester mit richtigem Namen heißt. Astrid, glaube ich. Ich verstehe es nicht richtig, weil ich ihr gleichzeitig erzähle, wie ich mit richtigem Namen heiße. “Oh, that’s a beautiful name.” Ich bedanke mich, ein wenig stolz, für das Kompliment und das Autorenautogramm – das erste meines Lebens – und mache mich auf den Weg nach draußen.

Der subtile (und gleichzeitig gar nicht so subtile) Wahnsinn in “Was ich liebte” machte mir Angst. Der Mann war auf Geschäftsreise und ich prüfte, bevor ich ins Bett ging, ob ich die Wohnungstür abgesperrt hatte. Mehrfach. Siri Hustvedts Mischung aus Kunst, Psychologie, Philosophie, aus Hinterfragen und Fühlen trifft genau meinen Nerv. Und noch genauer zielt sie mit ihrem neuen Roman “Die gleißende Welt”. Ich bin bei der Hälfte und jetzt schon traurig beim Gedanken daran, dass die letzte Seite irgendwann gelesen sein wird.

Ich stehe im Deutschen Schauspielhaus auf einer Treppe, die zum Marmorsaal führt, um mich herum etwas ältere, distinguiert und gebildet wirkende Damen. Neben mir lehnt, ganz in schwarz gekleidet, das Abbild meiner nahen Zukunft, wie ich sie mir vorstelle, an der Wand. Sie blickt von ihrem Kindle auf, lächelt mich an und vertieft sich wieder in ihre Lektüre. Ich lächle zurück, mustere sie weiter aus dem Augenwinkel und vertiefe mich in das Bild von mir, dessen Ränder Harry Burden, Siri Hustvedts neue Protagonistin, noch ein bisschen klarer hervortreten lassen wird.

Japan, Kōya-san, Tag 8: zwischen den Welten.

- - Seelenmädchen

Ich werfe Ballast ab. Genauer gesagt: mein Gepäck. Mein Backpacker-Rucksack bleibt in Osaka, während ich den Weg nach Koya-san antrete. Theoretisch. Praktisch hüpfe ich in letzter Sekunde in den Zug – in die falsche Richtung. Als ich mich endlich dazu durchringe, die Japanerin neben mir zu fragen, ob ich richtig bin, sind bereits 25 Minuten verstrichen. Und natürlich bin ich nicht richtig. Als wir an der nächsten Haltestelle gemeinsam den Zug verlassen, fragt sie mich, woher ich komme. “Oh, Germany, really?” Sie erzählt mir, dass sie in der Schule Deutsch gelernt, aber leider nichts davon behalten hat. Und sie erzählt mir, dass ihr Mann gerne deutsche Gerichte kocht. Ich hake nach und erfahre, dass der Onkel ihres Mannes einst einen kleinen Supermarkt in Deutschland geführt hat – vor dem zweiten Weltkrieg. Zwischendurch verhandelt sie mit den beiden Bahnsteigwächtern, damit ich mir für die Rückfahrt keine neue Fahrkarten kaufen muss. Zum Abschied sagt sie mir “And I love my two german sheperds!” Ich stehe auf dem Schlauch. “Dogs!” schiebt sie hinterher. “Ah”, antworte ich, “that’s great. I don’t know any Germans with german sheperds!” und ich frage mich, ob es die Hunde bei uns überhaupt noch gibt. Oder ob sie und ihre Anhänger nur noch in fernöstlichen Gebieten existieren. Als ich in den richtigen Zug einsteige, finde ich das fast ein bisschen schade. Ich glaube, mein Reiseschutzengel hätte viele interessante Geschichten zu erzählen gehabt.

Die Bahn nach Koya-san schlängelt sich langsam den Berg hinauf. Die Bäume werden grüner, die Häuser ursprünglicher und die Bahnsteige werden zu schmalen Trittstreifen. Dafür werden die Mitfahrer europäischer. Links von mir ein (vermutlich) britisches Hipsterpärchen, augenscheinlich irgendeinem Slow-Lifestyle-Fashion-Magazin entsprungen, rechts von mir vier spanische Hipster, alle gleich groß, alle dunkle Bärte, dunkle Strickmützen und kugelrunde Bierbäuchlein. Selbstgebraut natürlich, das Bier. Ich fühle mich an die sieben Zwerge erinnert. Ich will zurück in meine rosa Wolke aus japanischem Understatement.

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In Gokurakubashi wechseln wir von der Bahn in ein “Cable Car” und anschließend in Busse, die uns in das Tempeldorf bringen. Ich frage einen Japaner, ob ich nicht laufen dürfe. Darf ich nicht. Der erste Streckenabschnitt ist für Fußgänger gesperrt. Also finde ich mich kurze Zeit später nicht nur zwischen Briten und Spaniern, sondern zwischen Briten, Spaniern, Deutschen und Franzosen in einem Shuttlebus wieder. Ich hab an sich nichts gegen Touristen, bin ja selber einer, aber nach einer Woche, in der ich fast ausschließlich von Japanern umgeben war, keimte in mir die leise Hoffnung, dass das auch und gerade in Koya-san ebenfalls der Fall sein würde und dieser Umstand meiner ersten “echten” Buddhismus-Erfahrung noch ein wenig mehr Authentizität verleihen würde. Nun ja. Meiner Euphorie tut das im Großen und Ganzen keinen Abbruch und nach einem schnellen Check-In in “meinem” Tempel mache ich mich auf den Weg, das Dorf zu Fuß zu erkunden. Und siehe da, plötzlich bin ich wieder allein unter Japanern. Was auch immer meine lieben Mittouris tun, sie tun es nicht auf den Straßen Koya-sans.

Ich habe mir weder einen Plan angesehen, noch einen gemacht. Ich laufe einfach drauf los und plötzlich stehe ich am Eingang zu Oko-nu-in, dem größten buddhistischen Friedhof Japans. Wie ich später erfahren werde, liegen hier über 200.000 Japaner begraben. Ich gehe über die erste Brücke und sofort fängt mich der Duft von alten Zedern ein. Ich bin umgeben von verwitterten Grabsteinen, erhabenen Buddha-Figuren und kleinen Jizō-Figuren mit roten Schürzen. Letztere fungieren als Wegbegleiter zwischen den Welten. Kommt ein Mensch an einem Ort ums Leben, der nicht dafür vorgesehen ist, zum Beispiel bei einem Unfall, wird an Ort und Stelle eine Jizō-Figur aufgestellt. Sie überführt die Energie des Toten ins Jenseits. Alte Jizō-Figuren, die niemandem mehr zugeordnet werden können und ihren “Job erfüllt” haben, werden früher oder später eingesammelt und finden auf dem Oko-nu-in-Friedhof ihre letzte Ruhe. Selten (oder eigentlich noch nie) hat mich ein Ort vom ersten Moment an so gefangen genommen. Ich habe das Gefühl, durch einen magischen Zauberwald zu laufen und höchstens ein Hundertstel von dem wahrzunehmen, was es zu entdecken gäbe.

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Nach einer halben Stunde mache ich mich auf den Rückweg. Ich möchte noch einmal zurück zum Ortseingang und dem Buddha, der dort über der Straße thront, hallo sagen. Ich habe den Weg geringfügig unterschätzt und muss mich sputen, um rechtzeitig zur “meditation class” zurück in meinem Tempel zu sein. Hätte ich allerdings gewusst, was mich dort erwartet, wäre ich in meinem gemächlichsten Schneckentempo zurückgekrochen. Was ich mir erhofft hatte: Einen Raum voll meditierender Mönche, ein paar Touristen am Rand und eine Atmosphäre, die man sich in einem deutschen Yoga-Studio für kein Geld der Welt kaufen kann. Was ich bekam: Einen Raum voller Touristen, einen Mönch, der nur für eine kurze japanische Einführung im Raum weilte und eine Atmosphäre, die von Ächzen (autsch, der Schneidersitz), Scharren und Schiebetür auf, Schiebetür zu geprägt war. Und die große Erleuchtung so: “Tschüß, ich bin dann mal weg!”

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Eine ziemlich authentische Erfahrung hingegen, war das vegetarische Mönchsmenü, das im Anschluss auf dem Zimmer serviert wurde. Undefinierbar und gewöhnungsbedürftig. Fassen wir es in einem Wort zusammen: interessant. Nicht nur geschmacklich, sondern auch optisch.

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Ich habe brav aufgegessen (eine glatte Lüge), also durfte ich mir im Anschluss etwas wünschen. Meine beiden größten Wünsche notierte ich auf zwei dafür vorgesehenen Holzstäbchen und übergab sie an die Mönche, bevor ich mit einem dritten Mönch zur Nachtwanderung über den Friedhof aufbrach. Alles wiederzugeben, was ich auf dieser Nachtwanderung erfahren habe, würde den Rahmen dieses ohnehin viel zu langen Blogeintrags sprengen, deshalb nur so viel: Solltet ihr irgendwann einmal nach Koya-san kommen, macht die Nachtwanderung mit! U.N.B.E.D.I.N.G.T. Achso. Und achtet auf die Treppenstufen.

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Ich schlafe erstaunlich gut und bin früh genug wach, um an der Morgenandacht der Mönche teilzunehmen. Anschließend sehe ich zu, wie meine Wünsche beim täglichen Feuerritual in Rauch aufgehen. Die Erfüllung liegt nun in Kobo Dashis Händen.

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Nach dem Frühstück (same same but different) mache ich mich auf die Suche nach einem, nach meinem Buddha. Ich finde ihn, fünf Minuten, bevor mein Bus abfährt. Ich will schon lange einen Buddha, konnte mich jedoch nie überwinden, mir den üblichen Deko-Schnickschnack von Butlers & Co nach Hause zu holen. Aber mit diesem Buddha nehme ich nicht nur eine hübsche Holzfigur mit nach Hause, sondern auch viele kleine und große Momente, die sich ganz tief eingegraben haben – und eine Erinnerung daran, dass es jeden Tag in meinen Händen liegt, meinen Mond zum Leuchten zu bringen.

Japan, Hiroshima/
Miyajima,
Tag 5: von Göttern und Göttern in Weiß.

- - Seelenmädchen

Da sitze ich nun also mit meinem kleinen Origami-Kranich auf der Bank vor dem Friedensmuseum in Hiroshima und atme erst einmal tief durch. Und nochmal. Und nochmal. Ursprünglich wollte ich noch zur Insel Miyajima fahren und den berühmten “floating shrine” besuchen. Aber ich bin müde und traurig und entscheide mich, erst einmal ins Hotel zurückzufahren, das ohnehin direkt neben der Central Station liegt. Also stapfe ich zur Straßenbahn (die ich noch nie genutzt habe) … und werde Zeuge, wie die Bahn Richtung Hauptbahnhof sich gerade davon macht, wohingegen sich die Bahn Richtung Miyajima verlockend in mein Blickfeld schiebt. Ein Zeichen? Ein Zeichen! Nur dummerweise kein Zeichen, wo sich der Fahrkartenautomat befindet. Am Bahnsteig kann ich keinen erspähen, also hüpfe ich einfach mal kurz in die Bahn – getreu meines neuen Mottos “wird schon passen”. Passt dann auch. Also so halb. Ich finde heraus, wie ich zahlen muss (beim Aussteigen vorn beim Fahrer), ich finde aber auch heraus, dass die Straßenbahn im Gegensatz zur Bahn über eine Stunde – und damit mehr als doppelt so lange – braucht. Nun denn … ich beschließe, es als Crashkurs zum Thema “Entschleunigung” zu verbuchen.

Raus aus der Bahn, rauf auf die Fähre. Ich lasse mir den Fahrtwind um die Nase wehen und freue mich über junge Japanerinnen, die sich ihrerseits über ihren praktischen Selfie-Stick freuen und in den zehn Minuten der Überfahrt eine ganze Foto-Love-Story knipsen.

Runter von der Fähre, rein ins Getümmel. Erstmal einen gebratenen Tintenfisch am Spieß kaufen und gemütlich mit Blick auf das “floating torii gate” verspeisen. Haha, gemütlich … not … die freilaufenden Sikahirsche haben ein ganz feines Näschen dafür, wenn jemand sie nicht zum Essen eingeladen hat – und laden sich ganz einfach selber ein. Ich bin also mehr damit beschäftigt, vor einem hungrigen Sikahirsch zu flüchten, als mein Essen zu genießen. Für beides kassiere ich beleidigte Blicke.

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Nachdem ich meinem neuen besten Freund erfolgreich entkommen bin, lasse ich mich mit der Menge zum Eingang des Itsukushima Shrines treiben. Ich lausche der laufenden Zeremonie, kaufe ein paar überteuerte “Amulette” für Gesundheit und Glück, genieße die Sonne auf der Nasenspitze, mache Fotos und erfreue mich weiterhin an den fotoverrückten Japanern. Danach suche ich mir ein paar schöne Wege abseits des Trubels, genieße die Stille und beschließe, bei Gelegenheit auch mal irgendwo ein schickes Holzgerüst ins Wasser zu stellen und dem Ganzen einen fancy Namen zu verpassen. Zu Ehren der Götter, versteht sich. Spaß beiseite. Miyajima ist eine schöne Insel und eigentlich sollte man ein bisschen mehr Zeit mitbringen, um sie abseits der ausgetretenen Pfade zu erkunden.

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Zurück im Hotel plagen mich immer noch Schwindel, abnorme Müdigkeit und Schmerzen im Bein. Der Gedanke an eine Thrombose ist in den letzten Tagen immer mal wieder aufgeploppt und wurde erfolgreich verdrängt. Nach langem Hin und Her entscheide ich mich nun aber doch dazu, einen japanischen Doktor zu bemühen. Na ja. Eigentlich habe ich mir extra das Universitätskrankenhaus rausgesucht, weil dort angeblich auch englisch- und deutschsprachige Ärzte praktizieren. Der Taxifahrer … nun gut, lassen wir das. Ihr kennt das Spielchen aus Beppu.

Ich trete durch die Eingangspforte und sehe … dass ich nichts sehe. Jedenfalls keinen Menschen. Der Eingangsbereich ist komplett verwaist, der Empfang bereits geschlossen. Okay, es ist Freitagabend (dachte ich, in Wirklichkeit ist bereits Samstag), aber so gar niemand? Haaallloooo? Plötzlich höre ich hinter einer Tür, die mit “Private” gekennzeichnet ist, ein leises Kichern. Aha, das Schwesternzimmer. Ich klopfe. Nach einer halben Ewigkeit geht die Tür einen Spalt auf, eine junge Japanerin streckt schüchtern ihr Näschen raus. Auf meine Frage “Do you speak English?” wieder nur ein verschämtes Kichern. Hm, offensichtlich nicht. Sie holt eine Kollegin, die sehr gut Englisch spricht. Zum Glück. Denn sie führt mich nicht nur durch das ganze menschenleere Krankenhaus – sondern erklärt auch dem geschätzt 70-jährigen Pförtner der Notaufnahme das Problem, erklärt mir, was ich wie auszufüllen habe und erklärt dem Arzt (natürlich Japaner), warum ich da bin. Ich bin ihr unglaublich dankbar. Bevor ich ihr das mitteilen kann, wird jedoch die Schiebetür geschlossen. Ich erspähe nur noch einen Blick auf ihr vermeintliches Namensschild. Dort prangt in großen Buchstaben: Starbucks. Ups. Das Schwesternzimmer war kein Schwesternzimmer und meine liebgewonnene Krankenschwester keine Krankenschwester. Ich mag zwar immer noch keinen Kaffee, aber Starbucks, dich liebe ich ab jetzt. Ziemlich sehr sogar.

Der Arzt diagnostiziert dann keine Thrombose, sondern einen viralen Infekt. Und plötzlich ergeben die vielen Stunden voller Übelkeit (blöde Luftlöcher … und dann auch noch den Magen verdorben!), Gliederschmerzen (der schwere Rucksack!) und abnormer Müdigkeit (die ungewohnte Belastung!) einen Sinn. Der Onkel Doc und ich haben uns mal wieder mehr durch Zeichensprache als durch das gesprochene Wort verständigt und als er mich durch die vielen Irrwege nach draußen begleitet, erzählt er mir in Zeichensprache, dass er unbedingt mal nach München aufs Oktoberfest muss. Na dann: Prost!

Japan, Hiroshima, Tag 4 + 5: zwischen Krieg und Frieden

- - Seelenmädchen

Am frühen Nachmittag des vierten Tages erreiche ich Hiroshima. Die Sonne scheint. Nach dem Check-In mache ich mich auf die Suche nach Shukkeien, dem alten japanischen Garten. Als ich durch die breite Pforte trete, finde ich zum ersten Mal auf meiner Reise das Japan, das während der Beschäftigung mit dem Zen-Buddhismus kleine Wurzeln in meinem Herzen geschlagen hat. Eine tiefe Ruhe breitet sich in mir aus und hinterlässt ein leises Lächeln auf meinem Gesicht. Angekommen.

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Als ich um 4 Uhr aufwache und nicht mehr einschlafen kann, lese ich im Morgengrauen den Wikipedia-Eintrag zu den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagaski. Verblasste Szenen flimmern durch meinen Kopf und lassen ein Gefühl von Beklommenheit und Ehrfurcht zurück. Es fühlt sich falsch an, an diesem Ort geborgen und sicher in einem warmen Hotelbett zu liegen, auf dessen Grund und Boden vor knapp 70 Jahren so viele Menschen auf so grausame Weise ihr Leben verloren haben.

Nach wie vor leicht schwächlich auf den Beinen mache ich mich am Vormittag auf den Weg zum Memorial Peace Park. Während ich noch versuche, mich mit der Hilfe von Google Maps zu orientieren, realisiere ich, dass ich bereits vor dem Gedenkstein des A-Bomb Domes stehe. Eine junge Japanerin mit schmerzerfülltem Ausdruck, legt gerade ihre Hände zusammen und verbeugt sich für eine gefühlte Ewigkeit. Links von mir steht ein westlich anmutendes Pärchen. Ich weiß nicht, wie sie mit der japanischen Geschichte verbunden sind, aber auf seinem Gesicht zeichnen sich ganze Gefühlsstürme ab. Seine Frau streicht ihm sanft über die Wange. Ich bin froh, dass ich eine Sonnenbrille trage, denn mir schießen augenblicklich die Tränen in die Augen. Nicht zum letzten Mal an diesem Tag.

Der A-Bomb Dome ist gerade von einem Gerüst eingekleidet. Die Japaner wollen mehr darüber erfahren, wie die Detonation der Bombe das Mauerwerk verändert hat. Genau hier, an dieser Stelle ist Anfang August 1945 die Bombe in 600 Metern Höhe explodiert, hat unzählige Menschen in den Tod gerissen und die Stadt dem Erdboden gleich gemacht. Die Wände der alten Ausstellungshalle zählen zu den wenigen sichtbaren Überresten der Katastrophe.

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Auf der Brücke, die zum Memorial Park mit Gedenkhalle und Friedensmuseum führt, sammeln alte Frauen Unterschriften für die Schließung der Kernkraftwerke. Ich frage mich, ob sich Überlebende des Atombombenabwurfs darunter befinden.

Wenige Schritte später stoße ich zufällig auf den Eingang der Gedenkhalle. Zufällig deshalb, weil von der Seite, von der ich komme, einzig ein kleines Schild darauf hinweist. Es hätte sich fast genauso gut um den Eingang zu einer U-Bahnstation handelt können, weshalb viele Menschen achtlos daran vorüber laufen. Wahrscheinlich mit ein Grund dafür, dass ich schließlich alleine im Inneren der Gedenkhalle sitze. Ich lausche der Stille und dem Glucksen des Wassers, das über die stilisierte Uhr in der Mitte der Halle rinnt. In ihr ist die genaue Uhrzeit des Atombombenabwurfs verewigt: 8.15 Uhr.

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Hinterher sitze auf einer Bank in der Nähe des Kenotaphs und lasse die Gedanken und Gefühle der vergangenen Stunde Revue passieren. Das Kenotaph ist ein sattelförmiges “Scheingrab”, das den Seelen der Verstorbenen Obdach bieten soll. Unter einem Steinquader verbirgt sich dort eine Schriftrolle, die die Namen der Verstorbenen enthält: “Let all souls here rest in peace, for we shall not repeat the evil.” Plötzlich reißt mich ein Japaner aus meinen Gedanken, der auf der Bank neben mir sitzt. Er möchte erfahren, woher ich komme, was mich nach Japan geführt hat und was ich von Japan halte. Schon der zweite Japaner, der mich auf meiner Reise anspricht und mir genau diese Fragen stellt. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sich hier Neugier mit Misstrauen mischt. Dennoch unterhalten wir uns ein paar Minuten und ich empfinde es als willkommene Abwechslung, bevor ich meinen Weg in das Friedensmuseum fortsetze.

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Ich denke, über die Aufmachung des Friedensmuseums kann man geteilter Meinung sein. Ich fühle mich beispielsweise von einer Holzsandale, die eine Mutter auf der Suche nach ihrem Kind in den Trümmern der Stadt gefunden hat, sehr berührt. Sie erkennt die Sandale an den Riemchen, die sie selbst aus einem alten Kimono genäht hat. Andere “Ausstellungsstücke” wie die Fingernägel und Hautfetzen eines der Opfer überfordern mich. Und nicht nur mich. Ein junger Japaner bricht weinend zusammen und hockt sich in eine Ecke. Auch seine Mutter, die geduldig und beruhigend auf ihn einspricht, und mehrere Sicherheitsbeamte, die sich ratlos um ihn herum versammeln, können ihn nicht zum Weitergehen bewegen. Ich glaube, ich kann ein wenig nachvollziehen, was ihn ihm vorgeht. Ich bin noch nicht einmal persönlich betroffen und möchte das Gebäude am liebsten trotzdem sofort wieder verlassen – wie muss es ihm dann erst gehen?

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Einen Raum weiter kann man ein paar Gegenstände anfassen, die von der Wucht der Bombe und der Strahlung deformiert wurden. Es ist ein komisches Gefühl, mit den Fingerspitzen darüber zu streifen. Fast meint man, einen Rest der Strahlung spüren zu können (was natürlich Blödsinn ist). Der Schluss der Ausstellung erzählt die Geschichte von Sadako. Sadako ist zum Zeitpunkt des Atombombenabwurfs zweieinhalb Jahre alt. Sie wächst als scheinbar gesundes Kind zur Jugendlichen heran, erkrankt dann aber an Leukämie – einer weitberbreiteten Spätfolge der Strahlung. Ihr beste Freundin erzählt ihr von einer alten japanischen Legende, die besagt: Jeder, der 1000 Origami-Kraniche faltet, dürfe sich von den Göttern etwas wünschen. Sadako faltet weit über 1000 Kraniche für ihren Wunsch nach Gesundheit – der sich leider nicht erfüllen wird. Seitdem werden die Papierkraniche als Symbol der Friedensbewegung in alle Welt getragen.

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Auch ich habe mir am Ausgang den kleinsten Kranich ausgesucht und trage ihn nun im Hartschalen-Etui meiner Sonnenbrille sicher durch Japan und die Welt. Hiroshima. Zwei Tage und viele Gefühle, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Den kleinen Kranich habe ich mitgenommen. Einen Teil meines Herzens habe ich dagelassen.

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