WE WILL BE BACK

- - Seelenmädchen

“Und, was wirst du an München vermissen?”, fragt der Mann, als wir Hand in Hand durch Neuhausen spazieren. “Hm”, ich überlege kurz. “Die Windstille, auch wenn es kalt ist. Den guten Inder gegenüber und den guten Griechen direkt um’s Eck.” Wir gehen schweigend weiter. “Und die Berge natürlich. Das war schon schön letzten Sommer. Nur der Sommer, der war nicht schön.” Der Mann nickt. Uns fallen dann noch der Starnberger See ein. Und der Tegernsee. Und die Biergärten. Vor allem die Biergärten. Das Oktoberfest, das werden wir nicht vermissen. Denn wenn es nach dem Mann geht, würden wir morgen die Flüge zurück nach München buchen. Wenn es nach mir geht, erst übermorgen.

München ist schön. Ich mag München. Aber München hat eben einen entscheidenden Fehler: Es ist nicht Hamburg. Und wenn der Mann mich fragen würde, was ich an Hamburg am meisten vermisse, würde ich antworten: “Meine Freunde.” Das wiegt nunmal schwerer als die bayrischen Alpen. Is’ so.

Ja, wir kommen wieder. Nicht heute. Nicht morgen. Aber schon bald. Vorher mach ich eben nur noch kurz meinen kleinen Abstecher nach Japan, das liegt ja quasi auf dem Weg. Immer wenn hier jemand sagt: “Dann bist du ja nicht wirklich lang hier gewesen.” Dann antworte ich: “Nein. Ich hab’ nur ein Auslandssemester gemacht.” Und damit meine ich dann nicht Japan.

Einen kleinen Haken hat die ganze Sache: Wir sind wieder auf der Suche. Nicht nach uns. Auch nicht nach dem heiligen Gral. Obwohl das, was wir suchen, ähnlich schwer zu finden sein dürfte. Drei bis vier Zimmer. Schön gelegen. Und wenn schon nicht schön, dann doch wenigstens praktisch. Tipps werden mit ewiger Dankbarkeit belohnt. Bei Erfolg vielleicht sogar mit einem Mittagessen. Und einem Karmapunkt. Und noch einem. Und noch einem.

Oktoberfest

Lost in Japan

- - Seelenmädchen

Fukuoka. Beppu. Mt. Aso. Kumamoto. Hiroshima. Miyajima. Himeji. Osaka. Mt. Koya-San. Nara. Kyoto. Kansai. Tokyo. Klingt nach Potential, nicht nur geografisch, sondern auch zeitgeschichtlich verloren zu gehen. Und sich irgendwo zwischen der Wiege des Zen, den alten Häusern der Samurai und einer der verheerendsten Katastrophen der japanischen Vergangenheit wiederzufinden.

Am 9. März besteige ich ein Flugzeug nach Fukuoka nach Helsinki. In Helsinki eines nach Tokyo. Und in Toyko eines nach Fukuoka. Nur um mich anschließend in einen Shinkansen zu setzen und zurück nach Tokyo zu fahren. Mit dem einen oder anderen Zwischenstopp.

Aus der Wiege des Zen falle ich in eine heiße Quelle, nur um am Rande eines aktiven Vulkans wieder aufzutauchen. Ich wandle als Burgfräulein durch die Ruinen von Kumamoto, mache einen Knicks vor den altehrwürdigen Samurai und lasse mich in Hiroshima auf den Boden der grausamen Realität zurückholen. Ich umrunde den Wasser-Schrein auf Miyajima und überrede einen kleinen Japanmakaken, mich in das Weltkulturerbe Himeji und das traditionelle Handelszentrum Japans zu begleiten. In einem von 117 Tempeln übe ich mich mit über 600 Mönchen ein wenig in der Kalligraphie und in der Meditation, bevor ich mit den Sikahirschen durch Nara streife. Am Schluss suche und finde ich den Mann irgendwo zwischen der ehemaligen Kaiserstadt und der heutigen Hauptstadt, um mich mit ihm an der Seite von Bill Murray und Scarlett Johansson sechs Tage lang durch Tokyo treiben zu lassen. Und das alles, ohne ein Wort Japanisch zu sprechen. Noch.

Hiragana Schriftzeichen

31 Days
of Japan

- - Seelenmädchen

Neue Runde, neues Glück. Und das gleich zwölfmal. Denn auch das Jahr 2015 – man höre und staune – hat zwölf Monate. Also zwölfmal die Gelegenheit, die Uhr auf null zu stellen und von vorne anzufangen. Zumindest im Kleinen. Das ist mein zweiter großer Vorsatz für 2015. Den ersten findet ihr hier.

Jeder Monat ein kleiner Neuanfang. Warum? Weil ich mich meiner Ansicht nach viel zu oberflächlich mit den meisten Themen beschäftige. Ganz nach dem Motto: “Oh, guck mal da – ein Eichhörnchen!” und >>zack<< hat wieder etwas anderes meine Aufmerksamkeit gefesselt. Ich kann schlecht alle Eichhörnchen aus der Welt schaffen, aber ich kann jedes einzelne mit einer Handvoll Nüsschen anlocken, für eine Weile da behalten und etwas genauer unter die Lupe nehmen. Und weil jedes Haustier einen Namen braucht, taufe ich das Januar-Hörnchen auf den Namen "Kawaii"!

Ich habe zwar nicht vor, eine von Japans Botschafterinnen für Niedlichkeit zu werden, aber ich will möglichst alles über Japan wissen, was es zu wissen gibt. Am zweiten Januar bin ich mit der Gebrauchsanweisung für Japan ins Thema eingestiegen. Am Abend des zweiten Januar wollte ich mir ein Gericht mit Edamame kochen. Leichter gesagt als getan: Da die Japanisierung des Abendlandes leider noch nicht weit genug fortgeschritten ist, hab ich sie schließlich schweren Herzens durch Erbsen ersetzt. Und das Gericht damit zur Metapher für die deutsch-japanische Freundschaft erkoren.

Tja nun. Da ich davon ausgehe, dass die J-Bar in der Isarvorstadt weiß, wo sie ihre Edamame bestellen muss, steht sie auf der Liste der To-Dos (die ich niemals schreiben würde) nun also auf Platz 1. Gleich dahinter folgen dann das Toshi, das Tokami und das Tenno sowie im Prinzip alle anderen japanischen Restaurants, die sich im Genussführer “Japan in München” von Axel Schwab so finden.

Was sonst noch so im Japan-Monat passiert? Lasst euch überraschen. Zum Beispiel auf Twitter oder Instagram. Genauso mache ich das nämlich auch. Von den #31daysofjapan sind ja noch 26 übrig. Das sollte ausreichend Raum für den einen oder anderen “Kawaiiiii!”-Moment lassen.

Vorsatz für 2015:
Haltung zeigen.

- - Seelenmädchen

Ich mag es, die Dinge im Kleinen zu bewegen. Schon immer. In meinem Grundschulzeugnis stand sinngemäß, dass ich mit allen Aufgaben immer viel zu schnell fertig bin, die verbleibende Zeit aber sinnvoll nutze, indem ich meine Mitschüler bei der Lösung der Aufgabenstellung unterstütze. Und dass ich mich gerne auf die Seite der Kinder stelle, die es im Klassenverband aus verschiedenen Gründen etwas schwerer haben. Ich mochte es hingegen noch nie sonderlich, die Dinge im Großen zu bewegen. Ich wurde zwar in der vierten und in der achten Klasse zur Klassensprecherin gewählt, aber das größte Verdienst, an das ich mich erinnere, ist, ein halbwegs ordentliches Klassenfest auf die Beine gestellt zu haben. Ohne Eltern, mit viel Bier. Also in der achten Klasse, nicht in der vierten.

Zwischenmenschliche Beziehungen, das konnte ich damals und kann es heute wieder. Alles, was mit Politik und dem erhobenen moralischen Zeigefinger zu tun hat, rief damals Widerwillen hervor – und tut es heute immer noch. Vielleicht weil ich finde, dass (fast) jede Meinung und jede Perspektive auf die Realität ihre Daseinsberechtigung hat. Vielleicht auch, weil ich nie das Gefühl habe, das große Ganze so weit zu überblicken, dass ich daraus Konsequenzen ableiten kann, die allen Beteiligten gerecht werden. Aber in den letzten Tagen und Wochen hat sich eines geändert: Das Gefühl, dass “im Kleinen” ausreicht.

Ich glaube, dass Nichtverstehen (vor allem in Bezug auf die rechten Strömungen im Land) langsam nicht mehr ausreicht. Dass eine Gegenbewegung entstehen muss. Und zwar eine, die nicht “nur” auf die Straße geht. Sondern eine, die sich persönlich engagiert. Die die Menschen, die in unser Land kommen, auffängt und gemeinsam mit ihnen Perspektiven entwickelt. Das erfordert allerdings auch, aus der eigenen Komfortzone auszubrechen. Das eigene sichere Nest zu verlassen, sich zu informieren, die Augen und Ohren aufzusperren und dort zu helfen, wo Hilfe gebraucht wird – das ist oft gar nicht mal so leicht. Es existiert eine gewisse Hemmschwelle, sich mit fremden Menschen, ihrer Kultur und ihrer Vergangenheit und vor allem mit dem Versagen des eigenen Staates auseinanderzusetzen. Dabei sollte uns die Aussicht darauf, in unserer Filterbubble aus rosa Plüsch zu verharren und erst dann aufzuwachen, wenn es längst zu spät ist, viel mehr Angst machen.

Ich will mir nicht irgendwann vorwerfen müssen, nicht selber die Veränderung gewesen zu sein, die ich mir für diese Welt bzw. für dieses Land wünsche. Oder zumindest meinen Teil dazu beigetragen zu haben. Ich werde nicht über Nacht zu Mutter Teresa werden. Aber auch große Veränderungen beginnen im Kleinen. In diesem Fall mit einem Blogpost. Und einer Silvesterspende für Flüchtlingskinder in Deutschland.

Vielleicht sitze ich 2015 um diese Zeit dann auf meinem Sofa, sehe mir die vielen kleinen Schritte an, die ich im Laufe des Jahres gemacht habe und merke, dass es mir doch mehr liegt, große Dinge zu bewegen, als ich dachte.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen guten Rutsch, einen tollen Start ins neue Jahr – und Vorsätze, die über mehr Sport und weniger Kilos auf der Waage hinaus gehen.

Überprüfe deine Feindbilder –
Ein kleine
Anekdote einer weihnachtlichen Zugfahrt

- - Seelenmädchen

An Heiligabend stieg ich gegen Mittag in den ICE Richtung Heimat. Ich machte es mir in meinem Sitz gemütlich, packte unter anderem mein Smartphone aus und wurde schon wenige Sekunden später unfreiwillig Teil einer kleinen persönlichen Tragödie. Schräg über den Gang zückte eine ältere “Dame” ihr Handy und teilte ihrem Gegenüber lautstark mit, dass sie bald nicht mehr würde verreisen können. Ihr Kopfschmerz sei unerträglich. Sie würde das einfach nicht mehr durchstehen. In mir regte sich leises Mitleid. Dennoch hatte ich das Gefühl, in einer Art Dauerschleife gefangen zu sein. Denn die Dame fand kein Ende. Und dann offenbarte sich mir der Grund für ihr Unwohlsein: Schuld daran, dass sie bald nicht mehr verreisen könne, seien ihre rücksichtslosen Mitmenschen. Sie seien überall. Vor ihr. Neben ihr (das wäre dann in diesem Fall ich.) Der ganze Zug sei voll von ihnen. Und ganz langsam wurde mir das volle Ausmaß ihres Leids und ihres Elends bewusst: Alle hätten sie diese furchtbaren elektronischen Geräte auf dem Schoß. Das sei der Auslöser ihrer unerträglichen Kopfschmerzen und also auch der Grund dafür, dass sie schon bald nicht mehr würde verreisen können. Nun ja. In mir regte sich anstelle des Mitleids mittlerweile leiser Widerstand. Offensichtlich wagte ihr Gegenüber es, ihre Aussage für den Bruchteil einer Sekunde in Zweifel zu ziehen. Und erntete dafür den ganzen aufgestauten Unmut der Leidenden: “Ach, so ein Quatsch. Die können doch heutzutage gar nichts anderes mehr. Ein Buch würden die doch niemals in die Hand nehmen.” Ich drehte mich um, blickte die Dame freundlich an und bedankte mich ebenso lautstark dafür, dass sie keinerlei Vorurteile über ihre rücksichtslosen Mitmenschen hätte. Sie quittierte meinen Einspruch mit einem gequälten Lachen. Wenige Minuten später legte sie auf und verschwand für kurze Zeit, kam zurück, schnappte sich ihr Rollköfferchen und ward nie mehr gesehen. Ich wandte mich wieder dem elektronischen Gerät auf meinem Schoß zu und setzte das fort, was ich niemals tun würde: nämlich ein Buch lesen. Wäre die Dame ein wenig länger geblieben, hätte ich ihr gerne meinen Kindle überlassen. Denn darauf berichtete Jürgen Todenhöfer in seinem Buch “Warum tötest du, Zaid?” über das etwas größere und etwas realere Elend dieser Welt.

Eigentlich wäre das Ganze ziemlich lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Denn aus ihrer kleinen Misere heraus konstruierte diese Dame ein ziemlich großes Feindbild. Eine nichtexistente Gefahr für ihr eigenes Leben. Und eine Realität, die nach Überprüfung der Fakten ganz einfach in sich zusammengefallen wäre. Hier beginnt im Kleinen, was im Großen ganz andere Gefahren in sich birgt. Ein Schelm, wer dabei an PEGIDA denkt.

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